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In the Line of Fire

USA 1993. R: Wolfgang Petersen. B: Jeff Maguire. K: John Bailey. S: Anne V. Coates. M: Ennio Morricone. P: Columbia, Castle Rock. D: Clint Eastwood, John Malkovich, Rene Russo, Dylan McDermott, Gary Cole, Fred Dalton Thompson, John Mahoney, Joshua Malina u.a.
128 Min.

Der alte Mann am Klavier

Von Asokan Nirmalarajah Als Clint Eastwood mit Gran Torino (2008) den letzten Film ankündigte, in dem er als Schauspieler zu sehen sein würde, machte das Gerücht die Runde, es handle sich bei dem Projekt um den letzten Teil der Dirty Harry-Franchise. Der Verdacht war nicht unbegründet. Wurde das filmische Schaffen Eastwoods seit Anfang der 1990er Jahre doch von der Kritik als eine Serie von selbstironischen Abgesängen auf seine früheren Leinwandpersönlichkeiten rezipiert. Auch wenn kundigere Filmhistoriker den Einspruch erheben mögen, daß Eastwood als Regisseur bereits vor seinem preisgekrönten Film Erbarmungslos (1992) mit metaphysischen Spätwestern wie Ein Fremder ohne Namen (1973) und Pale Rider – Der namenlose Reiter (1985) die Heldenfiguren seines Stammgenres dekonstruiert hat, kann man durchaus festhalten, daß Eastwoods immer schon selbstkritische Ausgestaltung seiner einsilbigen Protagonisten erst mit der Reflexion über sein Alter schärfere Konturen annimmt. Der in seinem Premierenjahr von der Kritik gefeierte und auch kommerziell sehr erfolgreiche Thriller In the Line of Fire (1993) ist in dieser Beziehung ebenso bedeutend für Eastwoods Paraderolle als urbanen Gesetzeshüter, wie es Erbarmungslos für seine Paraderolle als Auftragskiller des Wilden Westens war. Als alternder Secret Service Agent, der sich ein letztes Mal für den Wachdienst des amerikanischen Präsidenten einteilen läßt, um ein angedrohtes Attentat zu vereiteln, verkörpert der ergraute Eastwood hier ein letztes Mal den Actionhelden im Anzug, und das erstmals ohne sein Alter zu kaschieren. Und auch wenn seine Figur hier auf den Namen Frank Horrigan hört, so ist der bei Kollegen für sein unorthodoxes Vorgehen unbeliebte Einzelgänger nur eine minimale, ironisch-verschmitzte Variation von Eastwoods populärer Cop-Figur »Dirty« Harry Callahan.

Wie im ersten Dirty Harry-Film (1971) muß Eastwood in seinem letzten Film unter Fremdregie nicht nur gegen einen psychopathischen Killer vorgehen, der wahllos Menschen tötet, sondern sich auch mit zögerlichen Vorgesetzen, egoistischen Politikern und einem nervösen jungen Partner herumschlagen. Er darf aber auch, und damit erklärt sich die Überlänge des sonst so stringent und klassisch erzählten, wohltuend altmodischen Films, mit einer jüngeren Kollegin anbändeln, die er mal zum verbalen Schlagabtausch provoziert, mal mit seinem melancholischen Klavierspiel umgarnt. In diesen Szenen erlebt man den leise vor sich hin schmunzelnden Eastwood ungewohnt locker und gelassen. Den Kontrast zu dieser zugegebenermaßen nicht sehr interessanten romantischen Beziehung bildet die packende sadomasochistische Beziehung, in die Eastwoods Figur im Actionplot des Films zu seinem Kontrahenten gezwungen wird. Anders als dem irren Scorpio aus Dirty Harry geht es dem mysteriösen Mann, der sich nach Abraham Lincolns berühmten Attentäter »Booth« nennt und eines Nachts bei Frank Horrigan daheim anruft, nicht um die Erpressung von Schutzgeld, sondern darum, Geschichte zu schreiben. Booth sucht die Herausforderung, will sich mit einem Urgestein des Secret Service messen, mit Frank, der dafür bekannt geworden ist, daß er 1963 in Dallas, Texas daran scheiterte, Präsident John F. Kennedy vor den Schüssen eines Attentäters zu beschützen. In the Line of Fire ist also, sollte es der deutsche Zusatztitel »Die zweite Chance« nicht noch einmal unterstreichen, eine für das Hollywoodkino typische ›redemption story‹ um einen traumatisierten, tragischen Helden, der die späte Möglichkeit sieht, sich durch das Wiedererleben des traumatischen Events, durch die Konfrontation mit seinen inneren Dämonen in Form eines externen Widersachers zu rehabilitieren. Da kommen dem geschiedenen Ex-Alkoholiker, der, wenn er nicht Kriminelle aus dem Weg schießt, in Einsamkeit und Selbstmitleid ertrinkt, eine attraktive neue Frau (die souveräne Rene Russo) und ein fähiger neuer Widersacher (der brillante John Malkovich) eigentlich nur recht. 2011-01-29 08:52

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