— — —   DER SCHNITT IST OFFLINE   — — —

In den Wind geschrieben

Written on the Wind. USA 1954. R: Douglas Sirk. B: George Zuckerman. K: Russell Metty. S: Russell F. Schoengarth. M: Frank Skinner. P: Universal. D: Rock Hudson, Lauren Bacall, Robert Stack, Dorothy Malone, Robert Keith, Grant Williams, Robert J. Wilke, Edward Platt u.a.
99 Min.

Sozialkolorit und Penispumpen

Von Alexander Scholz Kyle Hadley reist 2000 Meilen für ein Sandwich. Weil Lucy aber ganz anders ist, als die leichten Damen, die das schwärzeste Schaf der Ölmilliardärsfamilie Hadley normalerweise bebalzt, imponiert ihr das zunächst nur wenig. Trotzdem läßt sie sich von Kyles jovialen Freund Mitch dazu überreden, mit in einen Club zu kommen, um dort mit den beiden ebenjenes Qualitätsgericht zu verspeisen. Kaum sitzen die drei bei Tisch, ist eigentlich alles klar: Farblich eindeutig zu Kyle gehörend, sitzt Lucy bei den beiden Männern, die ihr selbstredend längst verfallen sind. Der Aschenbecher trägt den Namen des Clubs »21« und separiert auch gleich das Bild ins zwei zu eins: Die edel hellgrau gekleideten Lucy und Kyle vis-à-vis zum im arbeiterbraun gehaltenen Mitch, dessen Anzug unzweideutige Schlüsse auf seine Herkunft zuläßt – das Servicepersonal trägt übrigens den gleichen Sozialkolorit auf. Diese räumliche und emotionale Figuren- und Beziehungsanordnung im Dreieck wird sich bis zum folgenschweren Wendepunkt des Films nicht mehr ändern. Derweil ragt im Hintergrund der Hals einer Champagnerflasche aus dem dazugehörigen Eimer von Kyles in Lucys Richtung und unterstreicht damit die amourösen Intentionen des Lebemanns.

Beim Ansehen dieses Klassikers von Douglas Sirk, an dem das Genre des Melodrams an prominenter Stelle analysiert wurde, fragt sich der Zuschauer ein ums andere mal, wie hier eigentlich die Abhängigkeiten sind. Wird die Mise-en-scène derart augenscheinlich dem Geschehen untergeordnet, daß sich in ihr die Vorhersehbarkeit der allzu simplen Handlung widerspiegelt? Oder können die Figuren vor lauter Phallussymbolen, Schattenspielen, Spiegeln und aufwendigen Blumenbouquets gar nicht anders, als die emotionale Kontrolle zu verlieren? Die Wahrheit liegt wohl dazwischen. Das theatralische Spiel der Schauspieler, inklusive des vielsagenden Blicks kurz vorm Schnitt (heute übrigens besonders in Daily-Soaps noch sehr gern gesehen), ist wohl der Filmtradition der 1950er Jahre geschuldet. Die dramaturgische Komposition der Geschichte, in der man es mit dem Austauschen von Geheimnissen und Trauringen recht eilig hat – ebenfalls Zeitgeist. Daß der gereifte Regisseur Sirk diese Konventionen nun um etwas Individuelles ergänzt und seine eigene Filmsprache einbringt, macht Written on the Wind so besonders. Wenn François Truffaut Sirk später als eines seiner Vorbilder preist, nimmt er nicht umsonst Bezug auf diesen Film: Sirk habe die Farben des Zwanzigsten Jahrhunderts, die Farben Amerikas, die Farben von Luxus und Industrie auf die Leinwand gebracht, bemerkt Truffaut in einem Pathos, der dem Film in nichts nachsteht.

Neben den beeindruckenden Farben sind es jedoch vor allem die inflationäre Verwendung von Phallussymbolen und die psychoanalytische Sophistik, die nach dem Schauen von Written on the Wind im Gedächtnis bleiben. Als Wiedergänger Sigmund Freuds inszeniert, sitzt der Patriarch hinter seinem Schreibtisch und hat sowohl Mini-Bohrturm als auch Pistole stets griffbereit. Sein Sohn Kyle ist vom väterlichen Erbe und den gleichmäßig nach Öl saugenden Förderpumpen derart eingeschüchtert, daß er um seiner Männlichkeit willen medizinischen Rat bei einem Arzt einholt, dessen Name schon die Katastrophe ankündigt: Dr. Cochrane (in anstandslos auch: Cock-Reign). Der all american boy Mitch spielt unterdessen lieber allein auf dem Hals seines Banjos herum und veranlaßt die ihm verfallende Dame hernach, ihr rotes Auto von jemand anderen betanken zu lassen.

Der von Rock Hudson gespielte Mitch verkörpert in Written on the Wind überdies das Ideal des ehrlichen und fleißigen Arbeiters. In seiner Kindheit dem launigen Kyle zur Seite gestellt, um diesen ein wenig auf dem Boden zu halten, hat er es geschafft, durch Können und nicht durch Erbe, zu seinem Status als nahezu gleichberechtigtem Familienmitglied der Hadleys zu gelangen. Mitch ist aber nunmehr angeekelt von dem dekadenten Verhalten der Familie und will Amerika den Rücken zukehren. Das ist dann wieder so gar nicht 1950er Jahre Kinotradition, zumal er diesen Wunsch gegenüber seinem Vater auf dessen Farm äußert. Ein Ort, nahezu gereinigt von den frivolen Codes aus der verfallenden Welt der Hadleys. Es erscheint demnach wenig verwunderlich, daß Sirk als einer der ersten amerikanischen Regisseure dieser Zeit, die einen individuellen Stil prägten, zum Vorbild für jene wurde, die in Europa das Kino neu erfanden. 2010-08-19 11:14

Medien

© 2012, Schnitt Online

Sitemap