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Solange es Menschen gibt

Imitation of Life. USA 1959. R: Douglas Sirk. B: Eleanore Griffin, Allan Scott. K: Russell Metty. S: Milton Carruth. M: Frank Skinner, Henry Mancini. P: Universal. D: Lana Turner, John Gavin, Sandra Dee, Susan Kohner, Robert Alda u.a.
125 Min.

Life: An Imitation

Von Natália Wiedmann »Without love you’re only living/an imitation, an imitation of life«, schnulzt es den bereits im vorhinein ergriffenen Zuschauern entgegen und – herrlich, herrlich! – wie falsche Tränen rieseln Diamanten aus dem Nichts herunter, durch nichts motiviert, und füllen den Bildschirm mit Funkeln und Glitzern. Ein Kondensat dessen, was ein Melodrama ausmacht: Tränen, Luxus, Exzeß. Aber bitte nein, schalten Sie doch nicht gleich ab, nur weil Sie kein Gefühlsmensch sind, schauen Sie doch nur, sogleich zitiere ich Butler, Judith Butler meine Damen und Herren!, mit der Aussage, die Geschlechter-Parodie offenbare, »daß die ursprüngliche Identität, der die Geschlechtsidentität nachgebildet ist, selbst nur eine Imitation ohne Original ist«. Imitation of Life nimmt diese Erkenntnis bereits rund 30 Jahre früher vorweg – beeindruckt? Nun bitte, wenn Sie es nicht bei Bronfen nachlesen wollen, sei hier wiederholt, daß der Film ein erfolgreiches Überschreiten von Gender- und Rassentrennungen inszeniert und somit die Diskussion um Gender Trouble antizipiert und gleichzeitig in Race Trouble umformuliert.

Aber es sind nicht allein die (L)imitationen des Lebens, die exemplarisch durch die nach Unabhängigkeit strebende Lora und die aus einer schwarzen Zugehörigkeit fliehende Sarah Jane, hellhäutige Tochter einer Afroamerikanerin, vorgeführt werden und sich mit den tiefgreifenden gesellschaftlichen Veränderungen der US-amerikanischen »postwar era« in Verbindung bringen lassen. Exzeß ist das exzessiv thematisierte Stichwort, von Hayward, Kaplan, Neale, Elsaesser, Nowell-Smith, Sierek erwähnt, erläutert, interpretiert, kontextualisiert. Und die Auswucherungen betreffen nicht zuletzt die Filminhalte, Metastasen des Unglücks und Scheiterns: die alleinerziehende Mutter. Die aufopfernde Nanny. Der Mann, der die Selbständigkeit der Frau einschränken will. Der Mann, der sich entscheiden muß zwischen Selbstverwirklichung und Versorgerfunktion. Die Frau, die einen Traum verfolgt. Die verkommene Welt des Schauspiels (pfui). Die Zweckverbindung. Der »Race Bender«, der keiner von zwei Kulturen angehört. Die junge Frau, die sich in die Vaterfigur verliebt. Die Mutter, die ihre Tochter nicht loslassen kann. Die Tochter, die ihre Mutter zurückweist. Das Zuspätsein. Der Tod.

Zuviel, zuviel überall, zuviel Farbe, zuviel Musik, zuviel Ausstattung, zu viele Protagonisten, zu viele Konflikte und – ach! – zu viele, zu viele Gefühle…

Also bitte: Weinen Sie. Lassen Sie sich rühren vom Tod einer Frau, die an einem gebrochenen Mutterherzen stirbt. Oder weinen Sie eben nicht und haben Ihre filmtheoretischen und analytischen Freuden. Z.B. daran, daß die unabhängige Lora schließlich mit Nervensäge Steve zwar in einem Auto, aber noch lange nicht in einer Einstellung sitzt. Brechen Sie aus in Glucksen diebischer Freude angesichts des ambivalenten Filmendes und überlassen die Krokodilstränen den Schauspielern, denen sie in der Regel besser zu Gesicht stehen. Wie es Ihnen gefällt. 2008-11-28 15:43

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