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Road to Perdition

USA 2002. R: Sam Mendes. B: David Self. K: Conrad Hall. S: Jill Bilcock. M: Thomas Newman. P: Zanuck Co., DreamWorks SKG, Twentieth Century Fox. D: Tom Hanks, Paul Newman, Jude Law, Jennifer Jason Leigh, Stanley Tucci, Daniel Craig, Tyler Hoechlin, Liam Aiken, Rob Maxey, Ciarán Hinds, Craig Spidle u.a.
117 Min. Fox ab 5.9.02

Tiefschwarz gegen Konventionen

Von Dietrich Brüggemann Junge Bands, die gleich mit ihrem ersten Album ganz groß herausgekommen sind, haben stets das gleiche Problem: das zweite Album. Egal wie gut es ist, es wird nie so groß wie das erste. Nachdem Sam Mendes 1999 mit American Beauty ein Meisterwerk von ganz eigener Klasse vorgelegt hatte, stand er vor dem gleichen Problem. American Beauty war nicht nur der große Oscar-Abräumer seiner Saison, er war mehr. Er hielt sich nicht mit dem Lebensgefühl einer Generation oder ähnlichen Kleinigkeiten auf, er ging direkt an die Wurzel, so direkt, wie es selten einem Film gelingt. Es war einer jener seltenen Filme, nach denen man tatsächlich das Gefühl hatte, das Kino als besserer Mensch zu verlassen. Was kann danach noch kommen?

Beim zweiten Album oder Film ist es meist das klügste, dem direkten Vergleich zu entfliehen und etwas ganz anderes zu machen. Beispielsweise die Handlung in eine andere Zeit zu verlegen und ein Genre zu bedienen. Beides tut Mendes jetzt in The Road to Perdition. Tom Hanks spielt einen ehrenwerten Gangster in den 1930er Jahren, der mit seiner Familie in die Maschinerie seines Gewerbes gerät, Freunde sich in Feinde verwandeln sieht und am Ende nur noch verzweifelt versucht, seinen Sohn aus dem Schlamassel herauszuhalten. Da werden Leute nicht erschossen, sondern mit Urgewalt niedergemäht, die Bilder sind so satt tiefschwarz, wie es die leere Leinwand im dunklen Saal nie sein könnte, und aus Tom Hanks’ Gesicht ist jede Spur jener komödiantischen Unbekümmertheit verschwunden, die immer noch auf die Anfänge seiner Karriere zurückverwies. Am Ende ist jeder Teil des Spiels, keiner unschuldig, keiner unwissend, einzig ein ärmliches, verhärmtes Bauernpaar im amerikanischen Niemandsland verheißt noch Rettung, die eher klägliches Exil als sicherer Hafen ist. Und der Film verliert währenddessen jegliche Farbe, bis am Ende nur noch fahle Pastelltöne das Schwarz durchbrechen.

Hanks ist in jeder Sekunde so überzeugend, daß man vergißt, daß es überhaupt Tom Hanks ist – mehr kann ein Star nicht erreichen. Paul Newman knüpft an den undurchsichtigen, oberflächlich loyalen, aber letztlich niederträchtigen Patriarchen an, den er schon in Hudsucker der Coen Brüder verkörpert hat, und ergänzt ihn mit eiskalt realer Präsenz zu einer Figur, die Brandos Paten blaß aussehen läßt, und Jude Law verkörpert als Leichenfotograph, der sich seine Motive selbst hin- und herrichtet, die heimliche Zentralfigur des Films, mit gebückter Haltung, schlurfendem Gang und rapidem Haarausfall das pervertiertes Alter ego eines jeden Filmemachers. Nach Abzug der Genrekonstanten bleibt seine Figur als sarkastischer Kommentar zum Wesen des Films an sich.

Zieht man nun den ganzen Film aus dem Genrekontext ans Tageslicht, so wird deutlich, daß Mendes, auch wenn es zunächst anders scheint, zu seinem Thema aus American Beauty zurückkehrt. Er erzählt vom zeitlos prototypischen amerikanischen Mann, der zuallererst für seine Familie zu sorgen hat und darüber nicht merkt, wie sein Leben verstreicht, der Zweifel an dem Leben bekommt, das er bisher geführt hat, und aussteigt, sei es gezwungenermaßen oder aus eigenem Antrieb, der sich opfert, damit am Ende sein Kind ein besseres Leben führen kann als es ihm je vergönnt war. Hier wie dort stehen zwei große Themen Hollywoods im Mittelpunkt – die elterliche Sorge um den Nachwuchs, das Glück und die Verantwortung, »Daddy« zu sein, sowie die Selbstbefreiung des Individuums von den Zwängen, die sein Alltag ihm auferlegt.

Die alte Regel, daß das zweite Album nie so »smashing« wird wie das erste, steht auch hier unangefochten. The Road to Perdition ist in jedem Detail meisterlich inszeniert, und Tom Hanks darf seine oft zitierte Aussage, die Hauptrolle in American Beauty hätte er auch gerne gespielt, mit einer großen Performance einlösen. Doch das Buch, die Geschichte, der Kern, um den sich all das gruppiert, ist diesmal eben kein Geniestreich wie seinerzeit Alan Balls Skript, sondern gutes, inspiriertes Handwerk mit vorhersehbarem Ende.

American Beauty war Auftakt einer Reihe von Filmen, die männliche Identitätskrisen behandelten und dabei Erzählkonventionen brachen – Fight Club, Memento, Being John Malkovich und andere. Daß Mendes das Thema jetzt wieder aufgreift und in einen Kontext übersetzt, in dem erzählerische Originalität durch Genreformeln abgelöst wird, kann als Signal gelten: Die Identitätskrisen sind vorbei, es gibt jetzt wichtigeres, nämlich die Verteidigung des Heiligtums der eigenen Familie. Nach dem bekannten Datum im September 2001 steht am Ende nicht der zusammenstürzende Wolkenkratzer wie noch in Fight Club, sondern die Brutalität des Rächers, die jeden Rahmen sprengt. 2008-06-11 12:05

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