— — —   DER SCHNITT IST OFFLINE   — — —

Die Reifeprüfung

The Graduate. USA 1967. R: Mike Nichols. B: Calder Willingham, Buck Henry. K: Robert L. Surtees. S: Sam O'Steen. M: Dave Grusin, Paul Simon. P: Embassy Pictures Corporation, Lawrence Turman Inc. D: Anne Bancroft, Dustin Hoffman, Katharine Ross, William Daniels, Murray Hamilton, Elizabeth Wilson, Buck Henry, Brian Avery, Walter Brooke, Norman Fell u.a.
101 Min. United Artists ab 6.9.68

Eine Beruhigungstablette

Von Martin Thomson »People worry about kids playing with guns, or watching violent videos, that some sort of culture of violence will take them over. Nobody worries about kids listening to thousands, literally thousands of songs about heartbreak, rejection, pain, misery and loss.« Der musikbesessene Rob verleiht in High Fidelity mit diesem Satz dem Dilemma des modernen Westbürgers eine entwaffnende Gestalt: Der westlichen Zivilisation geht es vor dem Hintergrund seines innerlich wuchernden Reflexionsvermögens schlecht, nicht trotz, sondern gerade wegen des Ausbleibens großer, von außen eintreffender Krisen. In den abgesteckten, geordneten Räumen der Vorstadt, gerade dort kann sich der Schmerz in alle Richtungen vermehren, denn der Raum, in dem gelitten wird, bietet keine Möglichkeit, sich des Leidens zu erwehren.

Alle sprechen von Problemen, die angeblich größerer Natur sind, von Terrorismus, von Ausbeutung, von der angeblich so viel schwerer wiegenden Existenz in Armut, dabei vollzieht sich vielleicht gerade an jenen, die im halben oder ganzen Luxus leben eine Krise, die umso tiefer geht, weil das Leidenspotential umso mehr wächst wie die Möglichkeit gegeben ist, jeden existentiellen Zustand, zumindest optional, durchzuspielen; weil so viel Zeit angesammelt wurde, in der jede Emotion im Spiegelkabinett all der Pop-Musik-Stücke und Filme, all der Situationen, die an ihnen gebunden sind, in wiederum aberhunderte Bilder zerfallen konnte, die so wenig kombinierbar scheinen, daß nur der Rückzug auf oder in die Oberfläche übrig bleibt. Und gerade da trennt sich die moderne Gartenzaungesellschaft, von der Mike Nichols mit Die Reifeprüfung erzählt, wohl in zwei Lager: in jene, die sich nicht weit genug brechen lassen, die ohne Zögern alle Umstände ihrer Umwelt zu instrumentalisieren wissen, um ja nicht in die Tiefe gehen zu müßen und damit gleichwohl die verhängnisvolle Kraft der Oberfläche instandhalten, und in jene, die sich dem Schmerz hingeben, die die Oberfläche aufkratzen, weil sie einerseits um das Opfer wissen, das sie kostet, andererseits die Resignation nicht hinnehmen wollen, die ein Dasein im Überfluß fast zwangsläufig nachsichziehen muß.

Die Reifeprüfung stellt einen Charakter in den Mittelpunkt seiner Erzählung, der, gerade die High School mit Bestnoten abgeschlossen, mit einem Schlag auf jene vermeintlich weiche, von ihm jedoch als kantig empfundene Oberfläche geworfen zu sein scheint; dessen Blick in die Zukunft nicht mehr auf Selbstüberwindung, auf leidenschaftliche Spontaneität und Risikobereitschaft gelenkt zu sein scheint, sondern auf Anpassung und aufgezwungenem Froh- und Geschäftssinn. All die umliegenden Lebensentwürfe deuten nur noch auf eine Existenz in gemütlicher Langeweile hin. Herumgereicht wie eine von zahllosen Händen abgegriffene Trophäe scheint Braddock zu Beginn des Films jede positive Voraussicht aus dem Gesicht gewichen – da ist nicht mal ein Riß auszumachen, viel eher eine unendliche Leere. Die Melancholie scheint ihm praktisch in sein Leib-Seelen-Labyrinth gefallen. Die Motivation weiterzumachen um des Weitermachens willen ist ihm entweder abhanden gekommen oder nie erlangt worden. Und jene, die seinen Ruhm zelebrieren, bestätigen in ihrer Phrasendrescherei nur die Voraussicht, daß da außer dröger Lethargie, die sich mit dem Etikett trauter Beschaulichkeit schmückt, nicht mehr besonders viel wartet.

Und so rebelliert der in seiner Passivität gefangene Braddock gegen jene Umstände; freilich ohne politische Zeichensetzung oder radikalem Gestus, sondern eher unfreiwillig, in der Auslebung einer eher von gegenseitigem Mitleid zehrenden Affäre mit der scheinbar ebenso an den bürgerlichen Umständen ihrer Umwelt mit Frustration geschlagenen Mrs. Robinson, Ehegattin eines Geschäftskollegen seines Vaters. Daß er sich dann letztlich in ihre Tochter verliebt (was in einer hinreißenden Einstellung des Films zum Ausdruck gebracht wird, in der er ein dutzend Mal ihren Namen auf ein Blatt Papier schreibt), das soll ihm der erlösende Freifahrtschein aus seiner Verwirrung sein, entpuppt sich jedoch rasch als ein erzwungenes Festhalten an Idealen, die spätestens mit ihrer süffisant-ironischen Brechung in der Schlußsequenz des Films, ganz und gar nicht begehbar, allenfalls für einen kurzen Augenblick in ekstatisch empfundenen Protest ausgelebt werden können, um sogleich in den Gesichtern ihrer Kämpfer zu verblassen.

Die Reifeprüfung wurde zur Zeit seiner Aufführung als skandalös betrachtet. Ein Film, in dem offenherzig die sexuelle Affäre eines jungen Schulabsolventen mit einer sehr viel älteren Frau ausgebreitet wurde, erhitzte die vornehmlich konservativen Gemüter. Heute hingegen wird er – ähnlich wie Blow Up – eher als Genese von Film und Pop betrachtet, während die sexuelle Thematik angesichts der gegenwärtigen Expansion wirr konstellierter Liebes- und Affärengeschichten im Soap- und Beziehungsfilmalltag an radikaler Wirkkraft verloren hat. Nicholls war der erste amerikanische Regisseur, der keinen instrumentalen Soundtrack zur musikalischen Untermalung seiner tragikomischen Jugendkomödie verwendete, sondern das Pop-Duo Simon and Garfunkel engagierte, die mit ihren im Film Verwendung gefundenen Balladen alsbald Kultstatus erlangen sollten.

Die Reifeprüfung ist inzwischen eher melodisches Sinnbild einer damalig im Umbruch befindlichen Gesellschaft zu sehen. Die von vielen mißverstandene Botschaft, der Film provoziere die Befreiung aus den Strukturen, welche auch die Achtundsechziger verurteilten, wirkt bei genauerer Betrachtung jedoch weniger euphorisch ausformuliert, als jene Szene vermuten läßt, in der Benjamin und Elaine ihre Peiniger mit einem großen Kruzifix in einer Hochzeitskapelle einsperren.

In der Wirkungskraft seiner träumerisch anmutenden Leichtigkeit läßt sich in Die Reifeprüfung viel eher eine Haltung ausmachen, die in ihrer Konsequenz zur Resignation animiert und deren aufrührerische Bekämpfung nur die direkte Konfrontation mit der ernüchternden Lebenswirklichkeit zur Folge hat; und so entpuppt sich der bei der ersten Rezeption noch als leichtfüßig empfundene Film bei mehrmaliger Betrachtung – dem sich der Verfasser dieses Textes immer noch ausgiebig widmet – irgendwann als ein sehr bitteres Rührstück über die Ausweglosigkeit in der Psychopathologie einer aus unreflektierten Opportunisten bestehenden Überflußgesellschaft, deren angepaßte Widerständler im Geiste nur ein Dasein in der Endlosschleife eines traurigen Simon and Garfunkel-Lieds bleibt. Also alles andere als ein Kampflied, eher eine Beruhigungstablette, um die eigene Ausweglosigkeit sehen und gleichzeitig ertragen zu können. 2008-05-14 09:44
© 2012, Schnitt Online

Sitemap