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Mann beisst Hund

C'est arrivé près de chez vous. B 1992. R,B: Benoît Poelvoorde. R,B,K: André Bonzel. R,B,S: Rémy Belvaux. S: Eric Dardill. M: Jean-Marc Chenut. D: Benoît Poelvoorde, André Bonzel, Rémy Belvaux u.a.
95 Min. Arthaus ab 25.3.93
Von Ben Heßler Vor fünf Jahren kam aus Belgien, einem Land, das eher unregelmäßig zum Weltkinogeschehen beiträgt, einer der bemerkenswertesten Filme der neunziger Jahre. Die Videoveröffentlichung kommt zu kurzem deutschen Kinoeinsatz zwar spät, ist aber nur zu begrüßen, denn Mann beisst Hund ist – auf diese ungewöhnliche und originelle Formulierung bin ich stolz – aktueller denn je. C'est arrivé près de chez vous (»Ganz in Ihrer Nähe geschehen«, in etwa das französische Äquivalent zur »Vermischtes«-Rubrik im Lokalteil einer Tageszeitung) ist ein »mockumentary« über Ben, einen eher simpel gestrickten Zeitgenossen. Er ehrt Mutter und Vater, trinkt gern mal einen über den Durst, singt dann unter Tränen sentimentale Lieder und könnte einem beinahe aggressiv egal sein, wenn er zum Broterwerb nicht Menschen ausrauben und umbringen würde. Rentner, Hausfrauen, Geldboten, wenn nötig auch Kinder, was eben so anfällt. Nach unzähligen Leichen und durchzechten Nächten freunden Ben und die Reporter sich an – die Kamera wird zur Komplizin und das »TV« schafft sich die »reality«, die es dokumentieren will, selbst. Mann beisst Hund läßt weder konzeptionell noch formal viel zu wünschen übrig, hat seine enorme Durchschlagskraft jedoch seinem Hauptdarsteller zu verdanken. Benoît Poelvoorde ist die menschgewordene Banalität des Bösen, ein grenzdebiler Schulterklopfer mit unvergleichlichem Hobbylyriker-Pathos, dessen absichtsvoll-unfreiwillige Komik in der deutschen Synchronisation jedoch nicht richtig zur Geltung kommt.

Von Tarantino und Konsorten setzt der Film sich dadurch ab, daß die gezeigten Morde dem Zuschauer wehtun, das Töten ist keine mit manieristisch schräg gehaltener Pistole in Szene gesetzte Coolness-Pose, sondern schmutzig und schmerzhaft. Eine letzte Phrase: Das Lachen bleibt einem im Halse stecken. 1970-01-01 01:00

Abdruck

Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #09.
© 2012, Schnitt Online

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