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Kasseler Dokfest 2011

28. Kasseler Dokumentarfilm- und Videofest. D 2011. L: Gerhard Wissner, Franziska Lantermann.
Kassel, 8. – 13.11.11
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Wenn der Name Programm wird

Von Christian Lailach Guten Morgen, Kassel! Der Nebel hängt noch immer in den Bäumen und zwischen den Häusern. Doch am Tage nach der Eröffnung geht's los – selbst wenn wir uns den Weg zum Kino freischaufeln müssen. Das heißt normalerweise: Programm studieren, kombinieren, organisieren. Doch in Nordhessen ist das ein wenig anders. Hier läuft (fast) kein Film zweimal, dreimal oder gar noch öfter. Nein, drei feste Spielorte, von denen zwei von früh bis spät im gleichen Takt bespielt werden. In einem Filme, im anderen Kurzfilmprogramme. Bei diesen legen sich die Programmdirektoren so richtig ins Zeug. Die Pakete werden thematisch detailliert geschnürt und scheinen immer überaus durchdacht. Dies hat zwar einerseits den Nachteil, daß hier oder da auch einmal nicht in höchstem Maße anspruchsvolle, professionelle und außerordentliche Filme laufen – aber der Vorteil, ein in sich abgerundetes Potpourri zu einem zwar konkreten, doch weitestgehend interpretierbaren Thema in dieser Masse präsentiert zu bekommen, ist schon selten.

So beginnen wir unsere Kasseler Woche mit »Desorientierung« und merken eben schnell, daß hier das Thema durchaus Programm sein soll. Non si può nulla contro il vento vom Duo Flatform stellt gleich mal die Welt auf den Kopf. Ein wenig zumindest, wenn sich plötzlich in einer schönen Landschaft die Felder anfangen zu bewegen. Nach links. Nach rechts. Sonnenblumen. Die Hügel am Horizont. Und allmählich nähert sich ein brummen. Ein kleiner Flieger verändert die Sicht auf die Dinge, der erste Schnitt im Film, ein Close Up. Danach geht's erst richtig los. Mit No Country for Young Man hingegen bewegt sich Sadaf Javdani auf einen inneren Konflikt zu. Die Kinder der Chomeini-Generation verlassen den Iran, um im westlichen Ausland zu studieren. Doch auf den Sprung in die Freiheit folgt ein kultureller und sozial harter Aufprall. Einsamkeit, Heimweh. Während die einen all die Zeit geblieben sind, können die anderen nicht mehr zurück. Noch ein wenig östlicher fährt die Tokioter Hochbahn ihre Bahnhöfe an. In Tomonari Nishikawas Collage Tokyo – Ebisu wechseln die Bahnsteige die Leinwandparzellen. Assoziative Ordnungen vernetzen ein Verkehrssystem immer wieder neu und spielen auf subtile Weise mit unserer Wahrnehmung. Für Verwirrung sorgen auch die Vögel in Flocking, einem intermedialen Projekt der HfG Karlsruhe. Diese formieren sich im abendlichen Himmel Roms, bilden Kreise, Ovale, amöbenförmige Gebilde, lassen sich auf den Bäumen nieder, während ihre Freunde aufs Neue starten. Wissenschaftler studieren deren Flugverhalten, Künstler fotografieren, die Vögel kacken. Mensch trifft Natur. Wir schützen unseren Beton! Adlergeschrei gegen Vogelkot!

Götz Penners Schlaue Bauern hätte es sicher gefreut, mit anzuschauen, wie tierlieb und hilflos die Römer die Situation zu beherrschen versuchen. Die vier Protagonisten sind nun mittlerweile seit ein paar Jahren im Geschäft mit dem Öko. Längst vor dem Wahn drehte Penner den Film im Nordhessischen, der dann wieder brach lag, verschollen war und letztlich – acht Jahre später – doch noch fertig gestellt werden kann. Dem Material hat dies keinen Gefallen getan, die Bauern finden auch erst allmählich in ihre Geschichten von der Gewinnminimierung bis zur routinierten Massenproduktion. Doch das Publikum sorgt sich um die Energiebilanz der ganzen Trecker. Zur großen Aufklärungsstunde hat es dann wohl nicht gereicht.

Aufklärung im anderen Sinne bieten Die Jungs vom Bahnhof Zoo. Stricher, Freier, Kneipen-Wirte, Sozialarbeiter. Rosa von Praunheim rückt ihnen auf die Pelle – was sichtlich leicht fällt – und begleitet sie vom Zoo bis nach Rumänien ihre Heimat, vom Bett in den Pool. Weder freizügig, noch provokant. Eher zerstörerisch, aufklärend, direkt. Wir schlendern durch den dunklen Nebel. Der taucht Kassel eben heute in eine anderes Licht. Sanft geben Laternen die nächsten Meter frei, während das klamme Laub zwischen den Füßen raschelt.
2011-11-10 15:01

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