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Kasseler Dokfest 2011

28. Kasseler Dokumentarfilm- und Videofest. D 2011. L: Gerhard Wissner, Franziska Lantermann.
Kassel, 8. – 13.11.11
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Kassel kalt, drinnen Kino

Von Christian Lailach Es ist kalt in Kassel. Während andernorts der Herbst sein letztes gibt, schüttelt's uns hier erst einmal kräftig durch, wenn wir aus dem Zug steigen. Also noch 'ne Jacke übergeworfen und ab in die Bahn, Richtung Kino, denn schließlich dämmert's ja auch schon gewaltig. In selbiger werden wir, wir alle, die wir hier so sitzen und fahren, von einem Stadtstreuner mit dem Mittelfinger begrüßt. Die Staatsanwältin würde er umbringen, wenn sie ihn denn weiter verfolge. Und die da, die solle nicht so blöd schauen. Nach der Kasseler Kälte nun die Kasseler Kunst? Schon möglich, doch vielmehr scheint es die Realität zu sein, die uns hier einholt. Fernab jeglicher Allegorien. Die Realität, derentwegen wir hier sind, wenngleich der - vorrangig medialen - Kunst beim Kasseler Dokfest ebenfalls viel Raum geboten wird.

Doch heute beginnt erst einmal der dokumentarische Teil. Ungeahnt viele Filme wurde wieder eingereicht und sogar so viele und internationale, daß sich Ernst Wegener vom Hessischen Kunstministerium dann gern noch einmal den »Hessenanteil« von 15% auf 17% korrigieren mag. Deutsche Gründlichkeit, doch soll es wohl einen Kompromiß geben und man sich bei 16% treffen. Dies klingt jetzt sehr bürokratisch und zum Gähnen langweilig, doch sind die Eröffnungen im Kasseler »Gloria« eher das Gegenteil. Ganz in Familie wird hier kokettiert, auch wenn, so der Kasseler Oberbürgermeister Bertram Hilgen, im tiefsten Inneren die Nordhessen ein natürliche Feindschaft mit denen aus dem südlichen Landesteil verbinde. Da könne selbst das Geld aus Frankfurt, welches man ebenso natürlich gern entgegennähme, nichts daran ändern. Ein Schlagabtausch, den der langjährige Moderator Clemens Camphausen, mittlerweile zu forcieren weiß. Genauso wie den immer wiederkehrenden Witz, mit dem er galant die Moderation von der Festivalleitung alljährlich übernimmt. Sprachlos ist er nur selten, doch heuer kann er nichts dem frenetischen Applaus hinzufügen, den das Projekt Virtuos Virtuell heute Abend erhalten soll.

Thomas Stellmach und Maja Oschmann komponieren seit geraumer Zeit zu einem Teil der Ouvertüre der Oper »Der Alchymist« von Louis Spohr einen Experimentalfilm. Ein schwarzer Tintenfleck und eine feine Linie verfolgen sich unterstützt von den Streichern und Bläsern Spohrs auf visueller Ebene. Oder anders herum? Die Vielschichtigkeit der Musik, verschiedene Tempi, Klänge und Töne werden hier in filigraner Arbeit virtuos zueinander gebracht und visualisiert. Das Projekt ist noch in Arbeit, die beiden Regisseure suchen weiter nach Unterstützung, die sich, soviel läßt Stellmach blicken, irgendwo zwischen einer Felge und dem ganzen Ferrari auszuloten ist. Ein geplanter Übergang zum Eröffnungsfilm des 28. Kasseler Dokfests, der, wie kann es bei derart viel Lokalkolorit anders sein, treffender Weise aus Kassel kommt und sich quasi mit Kassel beschäftigt.

Klaus Stern, der sich offensichtlich gern mit den Größenwahnsinnigen unserer Zeit beschäftigt, hat eine seiner Langzeitbeobachtungen Mehmet Göker gewidmet. Dieser hat um die Jahrtausendwende in kürzester Zeit ein Imperium für Versicherungsvermittlungen aufgebaut, das gar zu einer der größten Vermittlungsgesellschaften Deutschland aufgestiegen ist. Eine knappe Dekade später ebenso schnell wieder vom Erdboden verschwand. Im Rückblick lassen die auf den Jahreshauptversammlungen mit allen zur Verfügung stehenden Effekten präsentierten Zahlen schon daran zweifeln, daß hier alles mit rechten Dingen zuging. Doch diese Zweifel befinden sich einerseits - nunmehr seit gut fünf Jahren - im Ermittlungsstadium und werden andererseits weder angezweifelt noch thematisiert. Versicherungsvertreter – Die erstaunliche Karriere des Mehmet Göker fokussiert ganz klar auf die Person Göker, läßt ehemalige Angestellte zu Wort kommen, die in Göker nun als Diktator und die MEG als Sekte bezeichnen. Dazu noch ein paar Firmenvideos, der ein oder andere YouTube-Clip und schon ist das »Portrait Göker« fertig. Sterns Versicherungsvertreter lebt dabei hauptsächlich vom von der Zeitachse losgelösten Schnitt, der vielmehr ein Stimmungs- denn ein reales Bild des einstigen MEG-Gründers zeichnet.

Selbst der Kasseler fragt sich da, wo denn Gökers Engagement fürs Lokale abgeblieben sei. Und einer seiner Getreuen, der heute gemeinsam mit Göker in der Türkei im Pool liegt und immerhin in einer Szene nach dem Abspann Platz findet, schwört seinem Chef ewige Dankbarkeit. So kann Stern nicht umhin, vom Größenwahn dann doch eine Scheibe Cleverness und Engagement abzuschneiden.

Lantermann und Wissner beweisen nicht nur mit ihrer Wahl des Eröffnungsfilms, daß sie »lokal« können, und dies mag auch an ihrer Liebe zur Tradition liegen. Dem Gedanken, aufgrund der extremen Nachfrage, die Eröffnung in die Stadthalle zu verlegen, sind sie dann doch nicht erlegen und wir sitzen im viel festlicheren und ob der familiären Atmosphäre angemesseneren Saal des Gloria. In den nächsten fünf Tagen werden nicht nur hier die restlichen 32 angekündigten Länder ein wenig Farbe in den Nebel bringen, der mittlerweile über das nächtliche Kassel hereingebrochen ist.
2011-11-09 12:38

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