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Kurzfilmtage Oberhausen 2011

57. Internationalen Kurzfilmtage Oberhausen. D 2011. L: Lars Henrik Gass.
Oberhausen, 5. – 10.5.11
Sans-titre gewann den Hauptpreis des Festivals (© Neil Beloufa)

Erwartungsansprüchen entgegen…

Von Dieter Wieczorek Man kann die Kurzfilmtage Oberhausen als ein mutiges Festival beschreiben: Mut zu überraschen und wie Festivaldirektor Lars Henrik Gass in der Eröffnungsrede erinnerte, Mut, den Erwartungsansprüchen nicht zu folgen. Fragwürdig wird dieser Mut aber dann, wenn auch die Erwartung, hier auf eine hinreichende Anzahl signifikanter Filme zu treffen, die sich durch innovative Ästhetik mit einer komplexen Realität auseinandersetzen, auch zu den zu überwindenden Erwartungen gehört.

Trotz des durchaus eklektischen Panoramas des internationalen Wettbewerbs mißte man im Publikum und nicht nur in einer der geladenen Jurys Werke, die sich in irgendeiner Weise mit den in unseren Tagen nicht gerade wenigen umwälzenden Transformationen in überraschender und überzeugender Art auseinandersetzen. Es ist wohl richtig, daß ein Kurzfilmfestival nicht die Tagesschau ist, wie Lars Henrik Gass auf diese bereits im Raum stehende Kritik in seiner Abschlußrede antwortete, trotzdem kann ein Festival dieser Größenordnung auch die Chancen versäumen, eine alternative Kommunikation und Information der über den »Stand der Dinge« zu eröffnen, gespeist aus den weltweit statthabenden partikulären audiovisuellen Aktivitäten. Gerade ein Festival wäre ein idealer Ort der konfrontierenden Zusammenführung unterschiedlicher Impulse und Beobachtungen aus innovativen Perspektiven zur Erstellung einer komplexeren Erfassung und Transferierung des Realen, als es die Tagesschau zu bieten hat. Richtig ist ebenfalls, daß Oberhausen in seiner Geschichte hier oftmals Pionierarbeit leistete, beispielsweise mit der vor einigen Jahren hier gezeigten, politisch orientierenden Auflichtung der arabischen Kulturlandschaft. Doch auch in diesen Programmen zeichnete sich kaum ab, was heute eruptiv hervorbricht und in seinen weit reichenden Konsequenzen zu reflektieren wäre. Dies ist nur ein Beispiel für den allseits beklagten Mangel an (politischer und sozialer) Wirklichkeit, nicht nur dieser letzten Edition des Festivals.

Gerade die wenigen Ausbrüche aus dieser Leere wurden konsequent mit Preisen bestätigt. Der Hauptpreis ging an Sans-titre (Ohne Titel) des Franzosen Neil Beloufa, der terroristische Aktivitäten aus überraschender Perspektive thematisiert. In einer Logik der Dekomposition wird das Treiben in einer – von einer militanter Gruppe kurzfristig okkupierten – Villa rekonstruiert. Banalität des Alltags und Terroristengräueltraumata akkumulieren hier in einer anekdotischen Beobachtungsperspektive unwissender Nachbarn, Hausangestellten sowie des erst nach dem Verschwinden der Gruppe eintreffenden Hausbesitzers. Marginalität, die sich anekdotisch mit politischer Signifikanz auflädt, mag als Konzept eine auch in der Gegenwartskunst erfolgreiche kulturelle Strategie sein. Ihr ein kulturelles Überleben zuzusprechen bleibt jedoch recht fraglich.

Eine lobende Erwähnung des Landes NRW erhielt Zaheed Mawani für seinen Film Three Walls. Hier wird in der Tat ein Werk gekürt, der am Unbehagen des ungelebten Lebens festhält. Die tertiäre Arbeitswelt steriler Büroexistenz wird hier im Licht ihres latenten individuellen Destruktionspotenzials gezeigt. Menschen eingeklemmt in ihren Minibürozellen kommen zu Wort, geben in ihren Boxen steriler Kastration ihre Gefühle preis und berichten von ihren fast vergessenen Hoffnungen auf ein erfülltes, sinnliches Leben. Der FIPRESCI-Kritikerpreis ging an den brasilianischen Beitrag Handebol (Handball) von Anita Rocha da Silveira, der eine Teenagerin in einer sozial nie klar definierten Umwelt, geprägt von Handball, starken Sounds und Blutfluß zeigt, einen anhaltenden metonymischen Prozeß unterschiedlicher Intensitäten des pubertären Lebens exemplifizierend.

Eines der diesjährigen thematischen Seitenprogramme, die gemeinhin ein starkes Element des Festivals darstellen, bot einen weit gefächerten Rückblick auf die Anfänge der Filmgeschichte. Die heute größtenteils eher drollig-kindlichen wirkenden Beiträge konnten zumindest die Hardliner-Kinoliebhaber glücklich stimmen. Daneben wurden vier Programme zusammengestellt von William E. Jones, deren erste beide Teile sich auf ausgewählte Beiträge pornographischer Filmindustrie vor allem in Osteuropa beschränkten. Auch das historisch bahnbrechende Schlüsselwerk zum »Fistfucking« fand hier seinen Ort. Der anfänglich gut gefüllte Saal verlor zunehmend an Publikum. Auch hier hätte man sich, neben den anekdotischen Anmerkungen zur Filmentstehung und Filmsichtung durch Jones, mehr analytische Hintergrundsinformationen als einführenden Diskurs gewünscht, etwa zu sozialen und ökonomischen Bedingungen dieser Produktionen, sowie zu deren Organisation, Distribution und Rezeption.

Ein aus elf Teilen bestehender Programmblock war dem Mensch-Tier Verhältnis gewidmet, zentriert um Themen wie Jagd, Eingesperrtheit, Identitäts-Spiegeleffekte und Symbiosen, ausgehend von den frühen Jahren der Filmgeschichte bis zur aktuellen Filmszene. Ein Beitrag, der lange im Gedächtnis bleibt, ist Zirkus Sarrasani im Weltkrieg: Die Hinrichtung des wildgewordenen Riesenelefanten Arno aus der Zeitspanne 1914-18, der die rituelle Hinrichtung eines Elefanten durch triumphierende Schlächter ablichtet, ein Beitrag aus Zeiten, wo Tiere für ihre »Mord-Taten« als juristisch schuldig deklariert und angestraft wurden.

Gewiß wollen die Kurzfilmtage ihren Beitrag leisten, um auch Kurzfilmern die Chance der Kommerzialisierung ihrer Werke zu eröffnen. Man wird das Pro- und Kontra lange diskutieren können, entziehen sich doch kommerzialisierte Felder mit unabwendbarer Konsequenz auf lange Sicht dem Potenzial künstlerische Freiheit, will heißen Unkalkulierbar- und Unvorhersehbarkeit. Trotzdem darf die Frage erlaubt sein, ob es eine brillante Idee ist, gleich zehn Programmblöcke an die immergleichen Vermarkter für ihre Programmschauen zu vergeben. In der hier okkupierten Zeit hätte man sich auch Portraits und Entdeckungen nicht kommerzieller Filmkunst, Begegnungen mit hier noch unbekannten, partikularen Filmemachern aus vom üblichen Kommunikationsfluß noch ausgeschlossen Zonen vorstellen können. Hier wäre den im Untergrund arbeitenden, oder schlicht nicht wahrgenommenen, innovative audiovisuelle Transformationsarbeit leistenden Filmemachern eine Chance zu geben. Ein Festival könnte eine Beitrag leisten zur Vernetzung derartig isolierter Aktivitäten, es könnte Ort und Ausgangspunkt neuer Kollaboration sein. Eine solche breitere Öffnung für ein ganz anders als durch Vermarktungswillen strukturierte filmische Praxis wäre gewiß auch ein würdiger, wenn nicht notwendiger Beitrag auf einem sich als Innovationshort verstehenden Festivals, gewiss auch ein origineller als die ewige Wiederkehr der immer gleichen Vermarkter.

Angela Haardt, ehemalige Leiterin des Festivals, leistete einen anderen, ebenso notwendigen Beitrag zu alternativen Filmangeboten. Sie bot eine gut recherchierte Retrospektive zum Werk des polnischen Dokumentarfilmers Grzegorz Królikiewicz. Der wiederum steht für eine ganze Generation von Filmemachern, die riskieren, vergessen zu werden, da ihre Werke stark geprägt sind durch politische Ereignisse im engeren Sinne, die heute nicht mehr aktuell scheinen. In Królikiewicz’ Fall z. B. die tabuisierten Ereignisse mörderischen Treibens und systematischer Tortur in Polen während des 2. Weltkrieges. Seine eigentliche Filmkunst wird dann immer besonders greifbar, wenn er sich von historischer Repräsentation entfernt und etwa einem Gebirgsjäger auf seinen winterliche Pfaden durch die verödete Natur folgt, der schließlich auch sein im Steingeröll verletztes Pferd, seinen letzten Begleiter, erschießen muß. Die gestellte Dokumentation Idź (Geh) aus dem Jahr 1989 ist eine metaphorische Studie über Einsamkeit und Augesetztheit jenseits politischer Verortung.

Erinnert sei noch an einige Filmperlen. Die Schwedin Susanna Wallins bietet in Someone Else eine feinfühlige Studie zu jugendlicher Unsicherheit und zur Ambivalenz körperlicher Annäherung. Mit meisterhafter Anspielungstechnik erfaßt Wallin das Nicht-Kommunizierbare und schafft eine Erinnerungsfolie, die vor die stagnierende Verschottung sexueller Identitätsmasken zurückgreift. Annäherung ist auch Thema in Va Tapuia (Heilige Orte). Jedoch funktioniert in diesem fremdartigen, aus Neuseeland stammenden Werk von Tusi Tamasese Annäherung durch ein rituelles Register von Zeichen und Symbole. Aus Taiwan kommt der Film Rondo Lee Li-saos nach Oberhausen, der die letzten Tage einer sehr alten Frau aufzeichnet, wie den nach ihrem Tod folgenden, zwischen Tradition und Aktualität schwankenden Ritualen der Abschiednahme. Im deutschen Wettbewerb überzeugte der Stadtarchitektur und Performancekunst überraschend verquickende Film Vertical Distraction Dennis Fesers. 2011-05-18 11:23

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