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Kurzfilmtage Oberhausen 2011

57. Internationalen Kurzfilmtage Oberhausen. D 2011. L: Lars Henrik Gass.
Oberhausen, 5. – 10.5.11
Bewegungsreich und knallbunt: Mobile (© Verena Fels)

Bewegte Bildung und die Freude am Film

Von Dominik Bühler Es ist Mittag und die Frühlingssonne verheißt einen strahlend schönen Tag. Nicht die besten Voraussetzungen, sich für die Dunkelheit eines Kinosaals zu motivieren. Doch Gruppen von Kindern, die freudig umherlaufen und mit Motiven der Kurzfilmtage bedruckte Luftballons in die Höhe recken, machen beste Werbung für eine Sparte, die mittlerweile einen wichtigen Teil des Oberhausener Festivals ausmacht: die kulturelle Bildung von Kindern und Jugendlichen. Diese beschränkt sich hier nicht allein auf den Kinder- und Jugendfilmwettbewerb, der 2011 bereits zum 34. Mal stattfindet und mit mehreren Reihen auf unterschiedliche Altersklassen abgestimmt ist. Verschiedene Projekte ergänzen das begrüßenswerte Bemühen um die Filmvermittlung. Schüler moderieren für Schüler, produzieren den Trailer des Wettbewerbs und »Kinder haben die Wahl«. Letzteres Programm läßt den Kinotag auf sehr erfrischende Weise beginnen. In einer Workshopwoche wurden Viertklässler an den künstlerischen Film herangeführt und stellten ein Filmprogramm zusammen, das zweimal während der Kurzfilmtage von den jungen Kuratoren vorgestellt wird. Für ihre Zusammenstellung von sieben experimentellen Kurzfilmen wählten die Schüler ein sehr schönes Kriterium: Die gezeigten Filme sollen lustig sein. Welche Auswahlkommission, welcher ›erwachsene‹ Kurator würde sich zu solch einer klaren und einfachen Begründung für eine Auswahl hinreißen lassen? Im Programm zu sehen sind unter anderem Primiti Too Taa von Ed Ackerman und Colin Morton, ein bestechend simpel visualisiertes Lautgedicht basierend auf Kurt Schwitters Ursonate und Dinosaur Tears, ein Musikvideo des Künstlers Lars Hedelin, das gemalte Dinosaurier singen läßt und – sieht man von der ersten Komik ab, die singende Urzeitwesen auslösen – eigentlich tieftraurig ist. Hier offenbart sich eine Frage, die während des Gesprächs im Anschluß an die Vorführung mit dem vollen Ausmaß kindlicher Offenheit aufgegriffen wird: Was ist lustig? Schonungslos kritisieren die Kinder – deren Freude an dem Projekt augenscheinlich ist – ihre eigene Auswahl und machen Uneinigkeiten innerhalb der Gruppe sichtbar. Ein wenig schade, daß dem von der Moderation Einhalt geboten wird, verweist doch diese Ehrlichkeit auf schöne Weise auf eine grundsätzliche Problematik aller Kunst, die ebenso auch als ihr großes Potential gesehen werden kann: die Diskussionswürdigkeit.

Die Kurzfilmtage legen Wert darauf, ihre Filmauswahl nicht als die einzig mögliche zu verkaufen. Festivalleiter Lars Henrik Gass läßt es sich in seiner programmatischen Eröffnungsrede nicht nehmen, darauf zu verweisen, daß man nichts besser wisse, nur mehr Filme gesehen habe. Auch wenn die Mitglieder der Auswahlkommission des Internationalen Wettbewerbs nicht alle mit Eloquenz bei der Ankündigung der Filme glänzen – ein guter Sachverständiger ist nun mal nicht gleich auch ein gekonnter Vermittler – ist die Regel, daß die Filmprogramme von ihnen selbst moderiert werden, zu begrüßen. Der subjektive Charakter der Wettbewerbszusammenstellung bleibt damit transparent und bewahrt die Auswahl davor, in eine falsche Selbstverständlichkeit überführt zu werden. Auch wenn eine Diskussion über Geschmack und über Auswahlkriterien für ›gute‹ Filme oft müßig ist, ist sie wichtig für die Bildung eines Kunstverständnisses, für die Weiterentwicklung der Kunst und für ihre Rückwirkung in den Alltag. Die Kurzfilmtage bieten erfreulicherweise viel Anlaß und Raum zur Diskussion. Das Publikum setzt sich zu großem Teil aus angereisten Künstlern, Regisseuren, Produzenten, Journalisten und Festivalmachern – kurz Fachbesuchern – zusammen. Die produktive Atmosphäre des Austauschs und der diskursiven, wie auch emotionalen Auseinandersetzung mit der Filmkunst wird durch die Konzentration aller Filmprogramme auf ein Kino unterstützt und damit in die Menge des Schülerpublikums getragen.

Der Internationale Wettbewerb, der mitunter im starken Kontrast zur fröhlichen Auswahl der Kinder steht, wird oftmals als schwierig, zumindest doch als anspruchsvoll bezeichnet. Dem Zuschauer wird, unter anderem mit zahlreichen Werken, die deutlich der Konzeptkunst verbunden sind, eine Konzentration und Transferleistung abverlangt, die nicht selten eine gewisse Vorbildung erfordert, die man aber zu Recht einfordern kann, wenn man sie als Festival selber ermöglicht. Ein Kunstwerk muß nicht gefallen, doch es sollte Menschen erreichen. Sans-titre von Neïl Beloufa, der mit den beiden höchstdotierten Preisen des Festivals ausgezeichnet wird, schafft dies, indem er Reize setzt und ein Szenario erschafft, das Fragezeichen und Mutmaßungen provoziert. Ausschnittartig werden Menschen in einem Gebäude gezeigt, mal bei der Arbeit, mal in nicht definierbaren Posen. Fetzen von Kommentaren zeugen von einer Geschichte um Einbrecher oder Terroristen. Auf faszinierende Weise offenbart sich nach und nach eine papierne Kulisse. Offengelegt wird dabei nicht die Situation, sondern ein wachsender Gedankenspielraum. Auch Mercúrio (Quecksilber) von Sandro Aguilar läßt vieles im Vagen. In einer betörenden Lichtorgie wird die Begegnung bzw. Trennung zweier Menschen in einem Auto durch Fensterscheiben hindurch betrachtet. Reflektionen lassen die Szene wie in einem Blitzlichtgewitter in Zeitlupe zwischen innen und außen hin und her wabern. In Wada Atsushis wundervoll reduziert animiertem Wakaranai Buta (Im Auge eines Schweines) erschließt sich erst mit der Zeit, daß ein riesiges Schwein vor einem Haus liegt und dessen Bewohner in Atem hält. Mit lakonischem Humor werden skurrile Vorgänge im und um das Haus beobachtet. Ohne den Abstraktionsgrad dieser narrativ experimentell arbeitenden Filme kommt Avant les mots von Joachim Lafosse aus. Der Film dokumentiert einen Tag im Leben eines Kleinkindes in der Kinderkrippe, überschreitet dabei sanft den schmalen Grad zwischen naivem Abfilmen und der großen Kunst der Beobachtung und scheut sich in manchen Momenten nicht vor der Komik des Alltags, so albern sie auch sein mag.

Hier sind wir wieder bei der Filmbildung. Der Preis der Kinderjury des Internationalen Kinder- und Jugendfilmwettbewerbs geht an Mobile – einen bewegungsreichen, knallbunten Animationsfilm in bester Slapstickmanier –, mit der Begründung, daß alle diesen Film sehr lustig fanden. Die Freude durch Film ist ebenso wichtig wie die Freude an Film, die die Kurzfilmtage sichtbar zu vermitteln vermag. Filmvermittlung und -bildung wird in den letzten Jahren zunehmend von Festivals in die Hand genommen, wobei zu hoffen ist, daß sie als Anstoßgeber dazu beitragen können, daß Film endlich systematisch als Kunstform in das deutsche Bildungssystem integriert wird und im Schulunterricht nicht mehr überwiegend nur als Überbringer von Inhalten stattfindet. Wenn es dafür, daß Film eine relevante Kunst ist, noch eines Beweises bedürfen würde, wäre dieser mit der 57. Ausgabe der Internationalen Kurzfilmtage Oberhausen wieder einmal mannigfaltig gegeben. 2011-05-18 11:23

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