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Kurzfilmtage Oberhausen 2011

57. Internationalen Kurzfilmtage Oberhausen. D 2011. L: Lars Henrik Gass.
Oberhausen, 5. – 10.5.11

Ein Königreich für ein Pferd

Von Carsten Tritt Als sich die Oberhausener Kurzfilmtage 2010 dem Kino vor 1918 widmeten, wirkte dieser Rückgriff für das avantgardistische Festival erstaunlich. Die diesjährige Anknüpfung daran bestätigt dennoch seine Fähigkeit zu steter Weiterentwicklung.

Als direkte Fortführung kehrte die letztjährige Kuratorin Mariann Lewinsky zurück, nunmehr mit Pathé-Filmen von 1907. In dem Jahr erfolgte der Wechsel vom Filmverkauf zum -verleih. Zusammen mit dem gestiegenen Produktionsvolumen setzte dies die Grundlage für den Übergang von der Wanderkinematographie zu festen Kinos mit wöchentlichem Programmwechsel. In ihrem Beispiel eines repräsentativen Programm des frühen Kinos stachen Drama und Feenfilm des Ausnahmeregisseurs Albert Cappelani (Les deux soeurs, Le pied de mouton) heraus, während der Akt eines monumentalen Jesus- Films eine Vorahnung heutiger Blockbuster vermittelte (Vie et passion de Notre Seigneur Jésus Christ, Ferdinand Zecca).

Deutlich wurde der Einfluß des Vorjahres allerdings auch im diesjährigen Schwerpunktthema zum Kino der Tiere, das sich stark beim frühen Kino bediente, um dort beginnend den Blick der Kamera auf das Tier wie auch den Blick des Tieres zurück zu suchen, wie die Kuratoren Marcel Schwierin, Filmwissenschaftler und -macher, und Cord Riechelmann, Biologe und Philosoph, betonten. Beginnend mit den Bewegungsstudien von Marey und Demeny (1892-1895), somit der Tierbeobachtung als Mitauslöser für die Erfindung des Films, verfolgt ihr Programm die Wechselwirkung zwischen wissenschaftlichem und künstlerischem Film. Die Versuche nach der Lehre des Behaviorismus, die Reaktionen eines Babys und eines Schimpansenjungen auf identische Tests vergleicht, bleiben wissenschaftlich überholt, und wirken doch als Beispiele absurder Komik (Comparative Tests on a Human and a Chimpanzee Infant of Approximately the Same Age, Part 2, W. N. und L. A. Kellogg, 1932). Demgegenüber reiht sich die Pawlowsche Verhaltensforschung (Bedingte Reflexe bei Tieren (Pawlow), 1920er) in einen Einklang zur sozialistischen Ideologie. Der bemerkenswerteste Film des Programms war daher Obitateli (1970) von Artavazd Peleshyan, der sich dieser Tradition sowjetischer Tierdarstellung entgegenstellt. Die Tiere sind nicht mehr dressierbar, sie stürmen wild in Cinemascope aneinandermontiert über die Leinwand, ihre Dynamik stellt dabei jede menschliche Machstruktur in Frage. Viel versöhnlicher zeigen sich die kurzen Videos (1973-1977) von William Wegman mit seinem Hund Man Ray, als Beispiele eines ungeheuren Vertrauensverhältnisses zwischen Mensch und Tier, die aber auch dessen Grenzen aufzeigen, wenn sich Man Ray jeglichen Überzeugungsversuchen Wegmans widersetzt, das Rauchen doch zumindest mal auszuprobieren (Smoking, 1977).

Den eingangs erwähnten Blick zurück verdeutlichen Chen Steinbergs Blue Eyes (2008), wenn die fotographierte Gottesanbeterin beim Verspeisen eines Opfers plötzlich innehält, und von der Leinwand auf den Zuschauer starrt, aber auch sein Pirkus (1998), in dem der (authentische) Schrei des auf dem Rücken liegenden Käfers verstört. Wenn dann in Anpassung eines Anubis-Weibchens an das Haremssystem der Mantelpaviane (Freilandexperiment) (1968) im wissenschaftlichen Experiment gezeigt wird, wie schnell ein seinen Partner frei wählendes Weibchen sich nach Versetzung in ein anderes Rudel dessen »antiemanzipatorischer« Haremsstruktur unterordnet, wirkt auch dies für den eine Übertragung auf menschliche Strukturen gewöhnten Zuschauer befremdlich. Hier ist es nur noch ein Schritt zu den experimentellen Dokumentationen Rennsymphonie (Hans Richter, 1929) und You Could Be Lucky (Yael Bartana, 2004), denen das Publikum der Pferdebahn Grundlage für die Beobachtung menschlicher Hierarchie-, Rudel- und bei Bartana vor allem Triebstrukturen ist, als dort insbesondere der Sexualreiz des Blicks auf weibliche Fesseln im galoppartigen Imponiergehabe der männlichen Besucher gipfelt. Das konsequente Fazit besorgt schließlich Guy Ben- Ner, der in Second Nature (2008) statt der Fabel von Fuchs und Krähe gleich deren Tiertrainer inszeniert, die er in gleicher Kulisse zu einer Vorführung von »Warten auf Godot« nötigt – und so die Unterschiede zwischen Herrchen und Tier, letztlich zwischen Tier- und Menschenfilm völlig ad absurdum führt. 2011-07-26 11:30

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