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Interfilm Berlin 2010

26. Internationales Kurzfilmfestival Berlin. D 2010. L: Heinz Hermanns.
Berlin, 16. – 21.11.10
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Lektionen aus dem Bilderbuch

Von Matthias Wannhoff Mit der Einsicht, daß Blicke über den Tellerrand einer Kultur meist mehr über letztere verraten als über das sogenannte Fremde, kann man keinen Anthropologen mehr hinter seinem Bücherberg hervorlocken. Und doch, oder gerade deshalb, scheinen gerade Kulturstudien zweiter Ordnung bei Filmemachern gewaltige kreative Energien freizurufen. Unter dem Titel »Auf der Suche« gab es beim diesjährigen Internationalen Kurzfilmfestival Berlin (Interfilm) gleich ein ganzes Bündel an Wettbewerbsbeiträgen zu sehen, in denen das Eigene anhand von Fremdbestimmungen sich seiner selbst gewahr wird – mal bewußt, in einem Fall ganz sicher unbewußt.

York-Fabian Raabes Kurzfilm Zwischen Himmel und Erde, nicht zu verwechseln mit einer Anthroposophie-Doku gleichen Titels, ist ein ungeheuer ehrgeiziges Projekt: Eingeleitet von authentischen Bildern ivorischer Straßenkämpfe, begleitet er die Brüder Koroballa und Tiemogo auf ihrer – fiktiven – Flucht von der Elfenbeinküste nach Deutschland. Dabei blitzen zwar immer wieder Erinnerungen an die gemeinsame Vergangenheit der beiden auf, beherrscht wird der Film jedoch von der filmischen Gegenwart, denn die Flüchtigen befinden sich in der bedrohlichen Enge eines Flugzeugfahrwerkes. Wie die Brüder, umgeben von Eiseskälte und Maschinenlärm, zusammen um ihr Leben fürchten, das ist wahrhaft bedrückendes, da nicht erfundenes Terrorkino.

Noch mutiger als die filmische Umsetzung einer massenmedial kaum verhandelten Wirklichkeit ist es allerdings, wenn ein deutscher Filmemacher als Ausgangspunkt der Handlung eben nicht seine Heimat, sondern Westafrika wählt. Ein Blick in die Produktionsnotizen nährt jedoch eine unschöne Vermutung, denn der ivorische Hauptdarsteller wohnt in Hamburg; gedreht wurde nicht am Schauplatz der Erzählung, sondern in Johannesburg. Dies anzuführen, mag spitzfindig erscheinen. Doch stehen diese äußeren Ungereimtheiten stellvertretend für einen Gestus der Nivellierung (mit Blick nach Afrika) und Affirmation (mit Blick auf Deutschland) von Unterschieden, den man anrüchig finden darf, auch ohne dafür das Kampfvokabular der Cultural Studies bemühen zu müssen. Schlechter als in der Szene, wo Koroballa und Tiemogo über ihr Reiseziel phantasieren, kann ein Film sein wahres Gesicht nicht verschleiern: Als der eine sagt, in Deutschland müsse man »nur arbeiten, wenn man will«, entgegnet der andere, da müsse es sich wohl um das Paradies handeln. Es ist ein sehr deutsches Sentiment, welches hier bedient wird – denn was sollte diese Szene anderes im Sinn haben, als das mit Debatten über »spätromische Dekadenz« innigst vertraute hiesige Publikum zum Schmunzeln zu bringen? Daß es in deutschen Asylantenheimen überdies ganz und gar nicht paradiesisch zugeht, bedürfte eigentlich keiner gesonderten Erwähnung, hier allerdings schon. Sicher, es mag nicht wenige Ausländer geben, die ein allzu naives Bild von Europa haben. Es ist aber noch nicht einmal die Frage, ob es sich für einen Film wie Zwischen Himmel und Erde schickt, diese Naivität auf solch plumpe Weise vorzuführen. Ähnliches gilt von den in die Rückblenden gestopften, langgezogenen Einstellungen eines afrikanischen Männergesäßes. Die Jury hat sich von alledem nicht beirren lassen: Sie hat York-Fabian Raabes Film mit dem von der Bundesstiftung für politische Bildung ausgeschriebenen Preis »Konfrontation – Gegen Gewalt und Intoleranz« bedacht.

Vielleicht lohnt es sich doch, kurz darüber nachzudenken, ob der norwegische Beitrag Skylappjenta nicht eben deshalb so viel überzeugender ist, weil seine Schöpferin die Gegensätze, von denen er handelt, selbst in sich trägt: Iram Haq ist Pakistani und hat für ihren Kurzfilm das Märchen von Rotkäppchen und dem bösen Wolf umgeschrieben. Sie selbst spielt Skylappjenta, die auf dem Weg zu ihrer Großmutter gleich von zwei, je nach Perspektive, bösen Wölfen heimgesucht wird: Auf der einen Seite von ihrer an Kulturtransfer reichlich uninteressierten Familie, auf der anderen Seite von einem hübschen Nordmann, der ein etwas zu einfaches Glück verspricht. Bebildert ist das Ganze durch das Idyll einer, diesmal wirklich, paradiesischen Digital-Kulisse, die von der typisch skandinavischen Kargheit nicht weiter entfernt sein könnte. Letztere stellt sich erst dann ein, als Skylappjenta ihre Lehr- und Wanderstunden hinter sich hat.

Hinter dieser Wendung verbirgt sich sowohl eine politische als auch eine ästhetische Kritik. Iram Haq macht es nicht explizit, aber es bedarf nicht allzu großer Umdenkmanöver, um in der illusorischen Bilderbuch-Ästhetik ihres Films eine Persiflage auf das große Märchen namens Bollywood zu erkennen, von dem manch einer gar hofft, es könne den Frieden zwischen Indien und Pakistan herbeizaubern. Als stünden die Traumwelten, in die sich Ausdrucksformen wie der aktuelle Hindi-Film flüchten, nicht stellvertretend für die Ferne diesseitiger Problemlösungen. Gut, daß es zwischen Himmel und Erde nicht bloß Filme gibt wie Skylappjenta, die dies klarstellen, sondern auch ein Festival wie Interfilm, das ihnen die Gelegenheit dazu gibt. Und immerhin, eine lobende Erwähnung war Iram Haqs Film der Jury dann doch wert. 2010-11-23 14:17

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