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Interfilm Berlin 2010

26. Internationales Kurzfilmfestival Berlin. D 2010. L: Heinz Hermanns.
Berlin, 16. – 21.11.10
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Kurze Kunst mit langem Atem

Von Matthias Wannhoff Eingestreut ins diesjährige Programm des Internationalen Kurzfilmfestivals Berlin, kurz »Interfilm«, findet sich ein ambitionierter Einspieler: Die Kampagne »Kurz vor Film« kämpft für nicht weniger als den Wiedereinzug von Kurzfilmen ins Vorprogramm des regulären Kinobetriebs. Dies klingt zunächst einmal fabelhaft und unterstützenswert, wirft aber zugleich die Frage auf, ob solch prominente Platzierung der Gattung wirklich ausnahmslos gut täte. Wo gäbe es zu dieser Frage, die identisch ist mit jener nach dem Verhältnis von Kurz- und Langfilm, mehr gedankliche Anstöße als bei einem mit 450 Beiträgen üppigst bestückten Festival wie »Interfilm«?

Zwei grundverschiedene Filme, die an den ersten beiden Tagen des Festivals gezeigt wurden, liefern zwei ebenso verschiedene Antworten. Auf der einen Seite ist da der spanische Beitrag Picnic, der einem berüchtigten Trugschluß seiner eigenen Gattung aufsitzt: Es ist dies die Annahme, daß man umso expliziter werden muß, je kürzer und prägnanter die Form ist, in der man erzählt. Der Film von Gerardo Herrero installiert eine Kleinfamilie auf einem durch den Bosnienkrieg verminten Waldstück und setzt dabei auf eine trügerische, dem Horrorgenre entlehnte Bildsprache. Allerdings stopft er all das, was in einem abendfüllenden Film unter Charakterzeichnung und atmosphärischem Design verbucht würde, in einen überdeutlichen und repetitiven Off-Kommentar, sodaß man nicht umherkommt zu denken, hier wolle sich jemand die Aufmerksamkeit erkämpfen, von der er sowieso weiß, daß er sie nicht bekommen wird. Mit anderen Worten: Picnic weist sich in jedem Moment eindeutig als Kurzfilm aus, da er krampfhaft seine Kürze zu kompensieren sucht.

Ganz anders Six Shooter, der vor vier Jahren den Oscar als bester Kurzfilm gewann und im Rahmen der Irland-Reihe des Festivals noch einmal zu bestaunen war. Auch Martin McDonagh erzählt gerafft, allerdings ist dies eben nicht der äußeren Form, sondern der inneren Dramaturgie geschuldet. McDonaghs Film ist grausam und schreiend komisch, bitterböse und verstörend, anders gesagt: Nach dieser knappen halben Stunde ist man nicht weniger überwältigt als nach einem herausragenden Langfilm. Würde solch ein Meisterwerk in den scheinbaren Schatten eines Hauptfilms gestellt, weder dieser noch jenes hätten durch diese Allianz gewonnen.

Woraus wiederum die Frage erwächst, wie man kurzen Filmen, die den längeren Atem haben, den gebührenden Raum zum Atmen gibt. Die teils drastischen Beiträge im Programmpunkt »Karambolage«, der Teil des Internationalen Wettbewerbs ist, verlangen dem Zuschauer in ihrer dichten Ballung einiges ab, was durchaus ein positives Merkmal ist. Am Beispiel des schwer bedrückenden Deeper Than Yesterday wird allerdings faßbar, daß manche Werke aus jedem Kontext zwangsweise herausragen, soviel Diskussionsstoff steckt in ihnen. Der bereits mehrfach prämierte Film des Australiers Ariel Kleiman spielt unter Wasser, wo die Besatzung eines russischen U-Bootes allmählich dem Wahnsinn oder schlicht Menschsein verfällt – frei nach Nietzsche, demzufolge der Mensch ja nichts weiter ist als »das nicht festgestellte Tier«. Als die abstoßende Melange aus Gewalt, Alkohol und unterdrückter Sexualität schließlich in nekrophile Triebabfuhr zu gipfeln droht, überrascht Deeper Than Yesterday durch eine Umkehr ins Poetische.

Wie sieht, außerhalb von Festivals, der adäquate Rahmen für einen solchen Film aus? Das Internet scheint hier ein heißer Anwärter zu sein, akuter als die ohnehin dringende Frage der Refinanzierung ist allerdings das Problem der Verfügbarkeit überhaupt. Die hinreißende irische Dokumentation The Herd etwa, die von einem fidelen Reh handelt, das als Gesellschaft unerklärlicherweise eine Kuhherde bevorzugt, ist aktuell auf digitalem Wege nicht zu sichten. Dies ist schade, denn dieser Vierminüter hätte das Zeug zu einem viralen Hit in der YouTube-Gemeinde. Andere Filme sind nicht weniger als veritable Genre-Beiträge: Der britische Horrorfilm The Midge fährt seinem Protagonisten buchstäblich unter die Haut und wirkt überdies, als hätte David Cronenberg die feministische Theorie von Judith Butler verfilmt. Denn der Ort, an dem Koitus und Virus, mithin Stich und Phallus, zusammenfallen, ist hier zur Abwechslung einmal nicht der Körper der Frau, sondern der des Mannes. Bemerkenswert auch Søpla aus Norwegen, dessen pechschwarzer Humor mit skandinavischen Erfolgsfilmen wie Adams Äpfel oder Nord locker mithalten kann.

Keine Frage, ohne Kurzfilme gäbe es auch keine Kurzfilmfestivals. Wohl aber ist zu fragen, ob Kurzfilme noch gedreht würden, wenn es keine Festivals gäbe. Explizit wurde dieses Problem am Donnerstag angesprochen, als der irische Festivaldirektor Mick Hannigen dem »Interfilm«-Publikum erzählte, daß es auch in seiner Heimat für Kurzfilme im Grunde keinen Markt gibt. Der Frage, wofür sie überhaupt noch produziert werden, sehen sich auch Musikvideos immer stärker ausgesetzt. Es ist eine schöne Tradition des Berliner Festivals, auch diese besondere Gattung des Kurzfilms als eigene Sektion im Programm zu haben. Bezeichnend ist bei den diesjährigen 20 Clips, die unter dem Titel »Bang Bang Bang« firmieren, daß klassische Performance-Shots in ihnen quasi nicht vorkommen. Es scheint geradezu, als würde die schwindende Marketing-Relevanz von Musikvideos manch kreativen Ausdruck überhaupt erst möglich machen. Die Indierocker von Ok Go nutzen ihre Songs ja seit längerem bloß noch als Unterlegung minutiös durchchoreographierter Plansequenzen, so auch im Clip zu »This Too Shall Pass«. Das aufgrund des Skandals, den es in den USA ausgelöst hat, bereits zum Klassiker avancierte Video zum M.I.A-Song »Born Free« verstörte auf der großen Leinwand noch mehr, als es seine grausame Erzählung ohnehin schon tut. Und »N'importe comment« von The Toxic Avanger feat. Orelsan liefert die bislang beste filmische Parodie auf die Ästhetik des berühmtesten sozialen Netzwerks. Wird der Unterschied zwischen Kurzfilm und Musikvideo somit aufgehoben, sodaß demnächst auch musiklastige Kurzfilme als Musikvideo durchgehen, wie es in Oberhausen bereits ansatzweise behauptet wird? Nein, aber es gibt Annäherungen. Weshalb Kurzfilme und Musikvideos durchaus voneinander lernen könnten, gerade mit Blick auf ihre Vertriebswege: Videoclips haben das Netz bereits erfolgreich erschlossen, was dem Kurzfilm noch bevorsteht. Vielleicht reichen Musikvideo-Regisseure ihre Werke dafür demnächst regulär bei Festivals ein. Die beliebte Theorie der Crossmedialität würde dann in bestem Sinne praktisch. 2010-11-21 13:05

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