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Kasseler Dokfest 2010

27. Kasseler Dokumentarfilm- und Videofest. D 2010. L: Gerhard Wissner, Kati Michalk.
Kassel, 9. – 14.11.10
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Kein Zusammenhang

Von Lina Dinkla Auch heute fegte wieder Dauerregen bei Windstärke 6 durch die Kasseler Fußgängerzone und auch nach langem Nachdenken ließen sich bei den heutigen Filmen so überhaupt keine Parallelen entdecken.

Unter anderem stand Stanislaw Muchas Die Wahrheit über Dracula auf dem Programm, der wie erhofft die Erwartungen an einen echten Mucha voll und ganz erfüllt. Einundachtzig Minuten voll absurd grotesker Situationen, denen man – wüßte man es nicht besser – ihre Zufälligkeit fast nicht abnehmen möchte. Mucha reist diesmal nach Rumänien, genauer nach Siebenbürgen/ Transsylvanien, um sich auf die Spuren von Graf Vlad Drăculea zu begeben. Er befragt dazu Museumskuratoren, Pastoren, einen Graphologen, Hotelbesitzer, Reiseleiter und allerhand andere skurrile Gestalten. Daß er auf der Suche nach Dracula natürlich vor allem etwas über die Beschaffenheit und Untiefen der rumänischen »Seele« offenlegt, um es mal etwas anmaßend ethnografisch auszudrücken, versteht sich von selbst.

Der zweite Film führte dann in ein Universum gänzlich anderer Art. Adolph und Wetzel zeigen das Innere eines Verlages, in dem sich ein Mann mit fanatischer Perfektion eine Lebenswirkstätte erschaffen hat, von denen es vermutlich nicht allzu viele gibt auf dieser Welt. Umso schöner, daß es Adolph und Wetzel erlaubt war, hinter die Kulissen dieser exklusiven Verlagsdruckerei zu schauen. Falls sie bei der Arbeit gestört hätten, wären sie sofort rausgeflogen, läßt Gerhard Steidl im anschließenden Filmgespräch wissen. Das nimmt man ihm auch sofort ab. Offenbar haben sich die zwei Autoren und ihr Filmteam jedoch ans Tempo anpassen können und reisten mit Steidl durch die Wohnzimmer und Ateliers der bei ihm verlegten Künstler. Jörg Adolph lakonisch dazu: »Es war ja nur Handgepäck erlaubt.« Ein wunderbar intimes, aber niemals aufdringliches Portrait eines besessenen Handwerkers und natürlich eine Liebeserklärung an den Luxus aufwendig gestalteter Bücher.

Kassel ist aber nicht nur ein Filmfestival, daß im Kino stattfindet, sondern mit aktuellen Arbeiten aus der Medienkunst auch Ausstellungsorte bespielt. Ein Teil davon fand im Fridericianum statt, das man von den documenta Besuchen her noch gut kennt. Zwei Arbeiten machten hier besonders großen Spaß. Das war zum einen »Leaving (With Two-Minute Silence)«, eine begehbare Lichtinstallation von Anthony McCall. Zwei Kreisfiguren, von denen eine immer das fehlende Stück der anderen darstellte, wurden im absolut dunklen Raum auf eine Wand gebeamt. So baute sich links allmählich ein Kreis auf, während das Gegenstück auf der rechten Seite immer kleiner wurde. Dazu wurde der Raum beständig in Rauch gehüllt, so daß die Lichtwege plastisch begreifbar wurden und sich durch die Anwesenheit des Betrachters veränderten, wenn man durch die Figur schritt oder einen Körperteil in den Strahl hielt. Ein reduziert abstraktes Werk über die Schnittstelle von (Film-)projektion und dem körperlich anwesenden Betrachter.

Konträr dazu, weil schon fast klassisch narrativ und filmisch dramaturgisch aufgebaut, war Das Wachtel-Starter-Set, ein amüsanter Selbstversuch von Anja Saran. Die Künstlerin filmte sich selbst in ihrer Wohnung dabei, einen Haufen Wachteleier auszubrüten, die Küken in einer Fake-Bauernhoflandschaft aufzuziehen und die ausgewachsenen Tiere am Ende als Abendessen zuzubereiten. Auf zwei nebeneinander hängenden Bildschirmen wird diese Geschichte erzählt, ein weniger makaberer als äußerst komischer Kommentar – insbesondere als Saran in Waidmannskluft im eigenen Wohnungsflur auf die Pirsch geht – zur unstillbaren Sehnsucht des modernen Menschen nach Natur. Was immer darunter zu verstehen ist.

Am Sonntag nun endete das Festival mit einer dieser leider hauptsächlich langweiligen Preisverleihungen, die die Autorin nach einem netten, aber unspektakulären Kurzfilmprogramm verließ. Alle Preise und Preisträger lassen sich auf der offiziellen Seite des Dokfests nachlesen (Link s.o.). 2010-11-18 09:55

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