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Kasseler Dokfest 2010

27. Kasseler Dokumentarfilm- und Videofest. D 2010. L: Gerhard Wissner, Kati Michalk.
Kassel, 9. – 14.11.10
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Alles so anders hier

Von Lina Dinkla Max Goldt gelang einst in einer seiner Titanic Kolumnen eine hübsche Bemerkung über den wirklich unschönen Bahnhof von Emden, die sich immer wieder wunderbar auf allerlei andere Zusammenhänge übertragen läßt: Er, der Bahnhof, brauche sich hinter denen von Leipzig und Stuttgart nicht zu verstecken, schön wäre es, wenn er es trotzdem täte.

Ähnlich ging es mir, bevor ich nach Kassel fuhr, eine schmucklos häßliche Innenstadt erwartend, verwöhnt vom Leipziger Gründerzeitparadies, von frisch sanierten Flaniermeilen, prunkenden Prachtalleen und so. Doch Kassel tat mir diesen Gefallen nicht und ich ließ mich hinreißen vom Nachkriegsbautenflair der 1950er, 1960er, 1970er Jahre. Allein das Gloria Kino – ein großartig konservierter Saal aus den 1950er Jahren, versteckt hinter einer unscheinbaren Fassade, Vorhang, Wände, Teppich, Sitze in gewagten Grüntönen gehalten – vermittelt ein wahrhaft erhabenes Gefühl beim Filmschauen. Ja, dieses Festivalleben kann ganz schön dekadent sein, während draußen der Herbststurm tobt, sitzt es sich herrlich gemütlich im warmen, dunklen Saal.

Am Donnerstag wirkten drei Filme aufeinander, bei denen sich auf den ersten Blick kein zwingender Zusammenhang herstellen ließ, die aber in ihrer Gesamtheit einen schönen Bogen schlugen rund um die Frage nach dem Wert des Menschen und ob diesen Wert jemand bestimmen darf.

Es begann mit einer Arbeit der Filmakademie Baden-Württemberg. Ein Sommer voller Türen von Stefan Ludwig begleitet eine Gruppe von sogenannten Werbern durch den Sommer und beobachtet sie bei ihren mühseligen Versuchen, Mitglieder für den Malteser Hilfsdienst zu gewinnen. Schnell wird die sektenähnliche Struktur der Organisation deutlich, über die viele große Hilfs- und Naturschutzverbände ihre Mitgliederakquise abwickeln: Der Erfolgreiche wird gefeiert und mit Belohnungen bei Laune gehalten, während auf die erfolgloseren Mitarbeiter nicht gerade subtil Druck ausgeübt wird. Neunzig Minuten sind jedoch eindeutig zu lang und nach einer Weile ermüdet der immer gleiche Ablauf der Szenen, die mitunter demütigende Situation an der Haustür, die Gespräche unter den Werbern, die immergleichen kapitalismusgläubigen Mantra der aalglatten Gruppenleiter und die tristen Einblicke in die Haushalte süddeutscher Rentner.

Weiter ging es zu Ayla Gottschlichs Kandidaten, der sich geradezu wie ein Antidot zum gerade Gesehen ausmachte. Hier wird ebenfalls in beobachtender Form eine Förderschulklasse ein paar Wochen lang begleitet. Vier Kinder, die sich für die Wahl des Klassensprechers aufstellen ließen, stehen stellvertretend im Mittelpunkt des Films. Alle sind sich bewußt darüber, daß sie Defizite haben, die sie nicht »fit« genug für eine »normale« Schule sein lassen. Ihnen trotz der ständig präsenten gesellschaftlichen Hackordnung ein robustes Selbstwertgefühl zu vermitteln, sie von ihrem »Wert« zu überzeugen, ist die sisyphosartige Arbeit der Lehrein, deren Erfolg sich witzigerweise auch mal gegen sie wendet, wenn die Kinder nach einem kleinen Exkurs zum Thema Privatsphäre darauf bestehen, daß ihre Antworten in einer Schulaufgabe »privat« seien und somit nicht für die Ohren der ganzen Klasse bestimmt.

Plug & Pray, ein filmischer Essay zum Thema künstliche Intelligenz von Jenz Schanze und Judith Malek-Mahdavi, machte das Faß dann noch größer auf, bei der Suche nach einer Antwort auf die Frage wie und ob sich der Wert des Menschen bemessen ließe. Dazu müsse, gar nicht so banal, erst einmal grundlegend festgelegt werden, was den Menschen Mensch sein läßt. Diese Frage zu klären sei die Grundvoraussetzung bei der Arbeit an und mit künstlicher Intelligenz, die sich schließlich an der menschlichen Intelligenz orientiert, um diese nachbilden und ersetzen zu können. Von dieser Prämisse und davon, daß diese Frage beantwortet sein müsse, bevor sich der Mensch ans Erschaffen künstlicher Intelligenz mache, ist Josef Weizenbaum, ehemals Professor am MIT, überzeugt,. Da dies nicht abschließend und endgültig möglich sei und damit die Folgen nicht einschätzbar, seien alle Forschungen in diese Richtung obsolet. Mit Weizenbaums rhetorisch gefragtem »Braucht man das?«, die dem unerträglichen Narzissmus Hiroshi Ishiguro gegenübergestellt wird, der sich als humanoider Roboter haargleich kopiert hat, machen auch Schanze und Malek-Mahdavi keinen Hehl daraus, daß Weizenbaums skeptische Haltung all ihre Sympathie hat. Daß Weizenbaum während der Dreharbeiten verstorben ist, macht diesen Film zu einem beeindruckenden Portrait eines großen Technikpioniers, dessen nachdrückliche Warnung vor menschlichem Größenwahn wichtiger denn je scheint. 2010-11-17 15:55

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