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Kasseler Dokfest 2010

27. Kasseler Dokumentarfilm- und Videofest. D 2010. L: Gerhard Wissner, Kati Michalk.
Kassel, 9. – 14.11.10
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Bauer trifft Film

Von Christian Lailach Was macht die Kuh auf dem Plakat? Und was der Bauer auf der Kuh? Diese Fragen mögen wir uns – lang bevor überhaupt ein Bild auf der Leinwand erscheint – zuhauf und damit auch das Leitmotiv infrage gestellt haben. »Gottfried, der Habenichts«, der einem FAZ-Artikel entsprang, prangt auf allen erdenklichen Werbeformen und selbst im Trailer schreibt der Bauer diesjährige Programmpunkte des Dokfests auf sein Scheunentor. Das zwingt eben zur Auseinandersetzung. Ist es wirklich die profane Suche nach dem Einklang zwischen Mensch und Natur, den die Kasseler hier vermitteln wollen? Dem Einklang, den Selbstversorger Gottfried längst gefunden hat? Nein, hier geht es dieses Jahr vielmehr um die Suche nach dem Dialog. Zwischen dem Städter hinter der Kamera und dem Landmensch vor ihr, zwischen dem Dokfest und seinen Gästen, letztlich zwischen uns und unserer Umwelt. Es ist die Suche nach Wahrheit, nach Vertrautem und Verläßlichkeit, die heutzutage mehr und mehr abhanden zu kommen droht. Kassel will all dies bieten und konzentriert sich daher auf den Ausbau im Detail, schafft beispielsweise mit dem »DokfestForum«, eine neue Anlaufstelle für den lebhaften Austausch zwischen den Gästen.

Doch Gottfried übernimmt erst einmal die Unterhaltung auf der Eröffnung, erzählt ein paar Geschichten vom Hof und stellt damit – ganz unbeabsichtigt – Ministerialdirektor und Oberbürgermeister in Reihe Zwei. Für einen Moment geraten die öffentlichen Wohltaten, wie die Begeisterung über die städtische Zusage, nach einem Vierteljahrhundert das Engagement auch über das kommende Jahr hinaus zuzusichern, in Vergessenheit. Doch dies ist nur ein weiterer Ausdruck dafür, daß es den Kasselern Spaß macht, sie ihr Festival lieben, und trotz aller Zuversicht, wachsender Zahlen und überregionaler Bekanntheit noch immer das Quentchen Überheblichkeit und Anbiederung fehlen lassen, die mancherorts schon viel früher serviert werden.

Der Eröffnungsfilm macht dem Dialog auch direkt alle Ehre. Eher einem fehlenden, wenngleich der nachträgliche umso heftiger ausfällt. Bad Boy Kummer ist der Versuch, Tom Kummer, der aus der sicheren Entfernung Los Angeles' in den 1990er Jahren namhafte schweizerische und deutsche Magazine mit gefälschten Interviews belieferte, ein Gesicht zu geben. Keineswegs will Miklós Gimes, Regisseur und einst als stellvertretender Chefredakteur des Magazins des Tagesanzeigers selbst Bestandteil der Maschinerie, Verständnis im Sinne der Vergebung für Kummer wecken. Vielmehr scheint er, weit zehn Jahre später, immer noch den »Menschen« Kummer zu suchen. Dafür begleitet er ihn, trifft Weggefährten, bringt sie teils miteinander zusammen und durchforstet das private Videoarchiv Kummers. All das, um endlich näher an ihn heran zu kommen, ein Bild zu zeichnen, sich und seiner Umwelt Fragen zu beantworten. Doch droht Gimes weiter und immerfort zu scheitern, denn Kummer spielt ein Spiel, das alte Spiel, vielleicht berechnend, doch irgendwie auch intuitiv. Er bleibt der Star, der er immer war. Er bestimmt den Takt und schützt somit in erster Linie sich selbst. Vor sich selbst.

Ein Auftakt, der – mit der gewissen Portion Ironie – Lust macht auf mehr. Fünf Tage Dokumentarfilm und Videokunst stehen Kassel bevor. Kontinuität statt ständiger Erneuerung, Dialog statt Monolog. Besser könnte der Zeitgeist eigentlich nicht getroffen werden wollen. 2010-11-10 15:08

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