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Kurzfilmtage Oberhausen 2010

56. Internationale Kurzfilmtage Oberhausen. D 2010. L: Lars Henrik Gass.
Oberhausen, 29.4. – 4.5.10
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Qualverwandtschaften

Von Franziska Schuster Oberhausen. Es gibt tatsächlich Menschen, die hier leben: Man könne ja, erklärt der Oberhausener, man könne ja immer schnell nach Duisburg oder Essen fahren. Und im Gegensatz zu Berlin gebe es hier wenigstens Parkplätze. Das gleiche sagte übrigens am Abend zuvor der Moderator des Radiosenders EinsLive über die Stadt Gelsenkirchen.

Im Festivalcafé gibt es am späten Montag Nachmittag nur noch die Fleischreste, die eine Meute hungriger Gäste übriggelassen hat. Auf der Suche nach einer Alternative passiert die Autorin eine SB-Bäckerei nach der anderen und entscheidet sich dann für einen übelriechenden Asia-Imbiss. Das, denkt sie sich, wird ihre Rache an Oberhausen: Den Fettgeruch in den Kleidern in den letzten Winkel dieser kulinarischen Wüste tragen.

Später am Abend fragt sie sich, ob ihre Übelkeit vom asiatischen Essen oder noch vom internationalen Wettbewerb Nr. 7 herrührt. Jana Debus' Kamera in Zueignung (2010) zittert wie die Gräser und Zweige und Wasseroberflächen, zwischen denen sie ihre Protagonistin Julia Gille platziert. In die sommerlich-poetische Stimmung mischt sich ein brutales Element, eine morbide Körperlichkeit, in der sich die identitätssuchende Hauptfigur ein stummes Duell mit der Natur liefert (»don't fight with a pig. you will both get dirty and the pig will love it« heißt es in Red Shift von Gunvor Nelson). Doch die Schonungslosigkeit bleibt Oberfläche, allzu sehr verliebt sich die Kamera in ihre malerischen Bilder, allzu sehr kostet sie ihre visuellen Einfälle und Tabubrüche aus und überläßt es der lyrischen Erzählerstimme, die Bildebene mit Bedeutung aufzuladen.

Indes hat Debus' Versuch einer Annäherung an die Weiblichkeit Seelenverwandte im Programm. In Girlfriends (2009) gelingt es der niederländischen Künstlerin Sabina Maria van der Linden, ihren eigenen Körper auf eine so freimütige Art in den Mittelpunkt zu stellen, daß kein Ansatz von Voyeurismus oder sexueller Aufladung ins Spiel kommt. Mit Witz und visueller Konsequenz erzeugt der Film eine große Nähe zu den beiden in weiße Handtücher gewickelten Freundinnen. Dabei spielt sich die Körperlichkeit auf einer abstrakten, zum Teil verfremdeten Ebene ab: Verbal, in klinisch reinen Nahaufnahmen, die trotzdem ein starkes Gefühl für Verfall und Sterblichkeit hervorrufen. Auf anarchisch-spielerische Art verspottet van der Linden ihre eigene Ernsthaftigkeit, ohne jedoch die Bedeutung der angerissenen Themen abzuschwächen.

Mit ihrer erwachenden Weiblichkeit hadert ein 13jähriges Mädchen in Second Cousins Once Removed (2009) von Eliza Hittman, während die prüde Therapeutin in Jennifer Reeders Lynch-artigem Seven Songs About Thunder (2010) vor allem mit den Bezeichnungen für »Vagina« hadert. Auch Gunvor Nelson, deren Filme in einer der Profil-Reihen gezeigt werden, hat sich – bereits 1984 – mit der filmischen Bearbeitung weiblicher Identität befaßt: Ihr autobiographischer 50minüter Red Shift ist eine bittersüße Generationenhymne, eine Hommage an Töchter und Mütter, schwarzweiß, licht- und liebevoll. Nelsons Nahaufnahmen sind zugleich ästhetisch und schockierend; alte faltige Haut, streichelnde Finger, Haushaltsverrichtungen, der Lauf der Zeit in die allerkleinsten Augenblicke aufgesplittert.

Auch jenseits der Leinwand läuft die Zeit weiter: Der Kellner massiert der Kellnerin die Schultern. Zwei ältere Herren begrüßen einander mit einem befremdlichen Schlag- und Würgeritual. Ein Filmprofessor erzählt Anekdoten, umringt von seinen jungen Studentinnen. Zum wiederholten Male läuft der winzige moldawische Filmemacher Pavel Braila vorbei, wie überhaupt jeder wiederholt vorbeiläuft: Nach rechts zur Video Library und zum Festivalspace, nach links zum Festivalcafé und zur Bar, oder sich die Beine vertreten in den halbstündigen Pausen zwischen den Programmblöcken. Brailas Film läuft im internationalen Wettbewerb Nr. 10 (ein Eingeweihter raunt: in dem Programm läuft der Gewinnerfilm), dabei ist Definitively Unfinished eigentlich kein Film, sondern eine Videoinstallation für zwölf Monitore, die hier auf ein Splitscreenverfahren mit zwei Bildern reduziert wurde. Auf einer Seite Text, auf der anderen Seite ein brennender Eisenbahnwaggon, die Geschichte eines Films, der nie entstanden ist.

Apropos Gewinnerfilm. Im Vorfeld der Preisverleihung zum Schluß noch zwei Vorschläge an die Jury: Der Preis für den schockierendsten Film geht bitte an La Chenille de la carotte von 1911, in dem die gemusterte Haut der titelgebenden Raupe plötzlich schrumpelig wird und dann der Länge nach aufreißt, um eine unfaßbar häßliche, weißliche Zwischenexistenz zwischen Raupe und Schmetterling freizugeben. Science Fiction Alien-Horror in Reinform. Welcher der ausgegrabenen Filmschätze von 1898 bis 1918 (in der Reihe »Vom Meeresgrund. Das Experiment Film«) die meisten Lacher bekommen hat, ist schwer zu sagen: Vielleicht Eclipse du soleil en pleine lune (1907) von Georges Méliès, in der der weibliche Mond sich vor die männliche Sonne schiebt und dort einige Momente mit dem Gesichtsausdruck großer sexueller Verzückung verharrt, um dann den Blick auf die sichtlich mitgenommene Sonne wieder freizugeben. Am besten geht dieser Preis aber vielleicht gar nicht an einen Film, sondern an den Pianisten Donald Sosin, der das störende »Dideldumdum dideldumdum dideldumdum dum« eines Mobiltelefons in einer Projektionspause sofort aufgriff und als musikalisches Thema zu variieren begann, kommentiert mit der Bemerkung, die Melodie habe er schonmal in der Mitte eines Dreyer-Films verwendet. 2010-05-05 12:00

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