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Kurzfilmtage Oberhausen 2010

56. Internationale Kurzfilmtage Oberhausen. D 2010. L: Lars Henrik Gass.
Oberhausen, 29.4. – 4.5.10
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Die Simplizität hinter der Komplexität

Von Eva Tüttelmann »Hier habe ich meine erste Zigarette geraucht«, zitieren die Kurzfilmtage auf ihrer Homepage Wim Wenders. Tatsächlich ist der Kurzfilm seit jeher Ausdrucksmedium und Chance zugleich. Viele namhafte Filmemacher konnten im Kurzfilm ihre ersten Projekte vielversprechend realisieren und finden in Oberhausen ihre Plattform. Doch das Geständnis von Herrn Wenders ist vielschichtiger: Hier werden nicht nur gemeinsam Filme geschaut, hier wird gefachsimpelt, gefeiert, gelebt – die kreative Energie, die sich auch dieser Tage wieder in Oberhausen tummelt, kann man förmlich in der Luft schmecken. Der künstlerische Austausch erzeugt ein Gefühl von Fortschritt, Lebendigkeit und Freiheit. Manch einer muß da einfach erstmal eine rauchen. Doch einen Fehler sollte man keinesfalls begehen, nämlich den Kurzfilm als Versuchswerkstatt für Filmanfänger abzukanzeln – die Kurzfilmtage rücken einem in diesem Falle ordentlich den Kopf zurecht und beweisen eindrucksvoll das Gegenteil. So bedeutend der deutsche Kurzfilm für Oberhausen ist, so sehr mag es überraschen, daß der Deutsche Wettbewerb im Verhältnis zur Gesamtveranstaltung sehr jung ist: Erst seit 1991 werden nationale Produktionen nicht mehr nur außerhalb der Wettbewerbe gezeigt; umso schneller wurde die Auswahl als repräsentativ für den deutschen Kurzfilm angesehen.

Vier 35-mm-Filme, zwei 16-mm-Filme und 22 Videoproduktionen, darunter 17 digitale Formate, wurden für den Deutschen Wettbewerb der diesjährigen Kurzfilmtage in Oberhausen von der Kommission ausgewählt – so verrät es die Rubrik »Zahlen und Tendenzen« im Festivalkatalog. Gerade die deutlich geringeren Produktionskosten eröffnen vielen Filmemachern neue Möglichkeiten und Flexibilitäten. Doch insbesondere der experimentelle Kurzfilm, der das bewegte Bild in einigen Fällen von einer Fortführung der Fotographie zu einer Spielart der Malerei macht, profitiert von den Mitteln der digitalen Bildbearbeitung. Hier in Oberhausen verwandeln alle gezeigten technischen wie inhaltlichen Formate das Kino in einen regelrechten Spielraum, eine Projektionsfläche für eine immense Vielfalt an Ideen und filmischen Konzepten.

Das »Programm 3« des Deutschen Wettbewerbs beginnt am Sonntagmittag mit der in der Produktion gängigen Kennzeichnung einzelner Einstellungen: Die Klappe von Stanislaw Mucha zeigt den Regisseur selbst, wie er während eines Drehs in Transsilvanien seine Hände als Klappe fungieren läßt oder anderen diese Aufgabe – mehr oder weniger erfolgreich – zu übertragen versucht. Durch die punktgerichtete Montage von Marco Baumhof entsteht eine mitreißende Dynamik, die den Film trotz der teils bemerkenswerten Temposprünge absolut flüssig wirken läßt: Mal fliegt eine irrsinnig schnelle Sequenz an uns vorbei, dann wieder verharrt das Bild plötzlich und die Kamera ruht auf einem Einheimischen, der sich tiefenentspannt nach Sinn und Zweck dieser »Klappe« fragt und dabei seinen Einsatz versäumt. Dann wieder wird kräftig angezogen, eine händische Klappe nach der anderen rast in einer Bilderflut vorbei, gerne gespickt mit amüsanten Anekdoten aus dem Produktionsalltag (»Geh' aus dem Bild, schnell!«). Ständig sieht man Mucha aus dem Bild springen, nachdem er den Startschuß für die nächste Einstellung gegeben hat, die wir jedoch nie gezeigt bekommen. Alles, was wir sehen, sollen wir eigentlich nicht sehen, eine Aneinanderreihung von Klappen und Pannen, das eigentliche Werk des Regisseurs scheint verborgen zu bleiben. Und doch ist es genau das, was er uns zeigen will.

Vielschichtig und beeindruckend präsentiert sich bildSTRICHE von Dieter Reifarth, der gemeinsam mit der Künstlerin Gabriele Schwark ein Konvolut an Impressionen, Materialien und Geschichten auf die Leinwand bringt. Malerei und Film sind assoziativ miteinander verknüpft und erzählen eine lose Geschichte, die gedanklichen Grenzen entsagt und doch eine ästhetische Faszination ausstrahlt, die den Geist fesselt. Der Oberhausener Stammgast Michel Klöfkorn gibt zum besten, er sei auf Cutter umgestiegen, nachdem ihm Pinsel und Stift ständig aus der Hand fielen. Mit dem Schneidewerkzeug hat er sich durch unzählige Fotobände gearbeitet, geographische Höhenlinien eingearbeitet, die nach seiner geschickten Montage /…flüssiges papier aus den Aufnahmen machen. Flüssig eröffnet auch Arnos Tonlabor das Nachmittagsprogramm, in dem Christoph Janetzko Filmton generierende Apparaturen zum tatsächlichen Filmgegenstand erhebt. So flüssig, daß man ob der Dynamik in Bild und Ton kaum die Füße stillhalten kann. Die Trickfilmarbeit Ich habe Angst, die Studenten der Hochschule für Gestaltung Offenbach im Kurs »Grundlagen Zeichnen« unter der Leitung von Mariola Brillowska geschaffen haben, ist eine alptraumartige Collage aus verschiedensten Formen der Angst. In manchen Fällen so vertraut und klischeebehaftet, daß man schmunzeln muß, in anderen Fällen so abgründig und gruselig, daß das Lachen schnell im Halse stecken bleibt. Selbst der alte Twin Peaks-Trick, Text rückwärts einzusprechen und vorwärts wieder abzuspielen, erfüllt bestens seinen Zweck und wirkt merkwürdig verstörend, weil wie aus einer anderen Welt.

Wunderbar verrückt und liebenswert zeigt sich Anca Lazarescus Kurzdokumentarfilm Es wird einmal gewesen sein, der ein etwas außergewöhnliches Musikprojekt in Halberstadt in Sachsen-Anhalt vorstellt: Hier wird das Orgelstück »ORGAN2/ASLSP« von John Cage aufgeführt, wobei »ASLSP« für »as slow as possible« steht, eine Tempoangabe, die die Mitglieder des »John-Cage-Orgelprojekts« gnadenlos ernstnehmen. So kommt es unter den Projektinitiatoren zu aberwitzigen Meinungsverschiedenheiten, wenn es darum geht, die Tempovorgabe einzuhalten: Seit September 2001 wird das Werk nun uraufgeführt und soll 639 Jahre dauern. Der erste Ton war jedoch erst im Februar 2003 zu hören, da die Partitur zu Beginn des Stücks eine Pause vorsieht. Nach eineinhalbjähriger Pause also besiegelte man mit dem ersten Ton deren Ende – und hierin liege ja schon die Nichteinhaltung der Tempoangabe bemängeln einige Beteiligten, denn so langsam wie möglich sei das ja bei weitem nicht. Lazarescu taucht tief in diese Welt, in der man sich in philosophischen Gedanken ergießt und sich an dem Konzept »Zeit« die Zähne ausbeißt. Trotz der Ernsthaftigkeit, mit der die Projektangehörigen ihr Ziel verfolgen und der vielen unfreiwillig komischen Momente, die ihr Bemühen kennzeichnen, macht sich der Film in keinem Moment über das Projekt lustig. Vielmehr beobachtet er die faszinierende Welt um »ORGAN2/ASLSP« und läßt unzählige verfolgenswerte Denkansätze zurück. Und das in nur 28 Minuten Laufzeit.

Noch zwei Tage lang darf in Oberhausen gestaunt und gefeiert werden ob des Spektrums des kurzen filmischen Formats. Nach der Preisverleihung am Dienstagabend darf man sich freuen über eine – soviel steht jetzt schon fest – gelungene 56. Ausgabe und auf eine schnelle Zigarette zwischen zwei bewegenden Programmblöcken der 57. Internationalen Kurzfilmtage Oberhausen. 2010-05-03 15:12

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