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Kurzfilmtage Oberhausen 2010

56. Internationale Kurzfilmtage Oberhausen. D 2010. L: Lars Henrik Gass.
Oberhausen, 29.4. – 4.5.10
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Genre feiern und Galle reihern

Das Programm MuVi International

Von Oliver Baumgarten Seit Jahren schon stellen die Musikvideo-Programme (MuVi) einen Pflichttermin auf der Festivalagenda der Oberhausen-Besucher dar. Warum das so ist, wurde lange nicht mehr so deutlich wie im wunderbaren, ganze 20 Videos umfassenden internationalen Programm vom Freitag.

Immer wieder denkt man sich, das Musikvideo müßte doch nun wirklich langsam ausgestorben sein. Kein Label der Welt gibt heute noch viel Geld für Clips aus, und selbst das Musikfernsehen sendet mittlerweile lieber abgekupferte Castingshows als den ganzen Tag Musikvideos. Und doch: Das Musikvideo ist als eigenständiges Genre nicht mehr wegzudenken aus der Welt des Kurzfilms – vor allem: aus der Welt des künstlerischen Kurzfilms. Was die Definition des Begriffs »Musikvideo« allerdings angeht, da halten sich die Kurzfilmtage ganz offensiv raus – ob nun der Film zur Musik oder die Musik zum Film geschaffen wurde, ob es sich damit also um ein Musikvideo oder um einen Kurzfilm mit Musik handelt, ist den Festivalmachern einerlei. Wichtig scheint allein das spannende Zusammenspiel von Musik und Bild, und so kommt es, daß ein flott montierter und provokanter Kurzdokumentarfilm wie Paradise Circus vom Briten Toby Dye im Oberhausener MuVi-Programm landet. Darin erzählt die über 70jährige Pornodarstellerin Georgina Spelvin (The Devil in Miss Jones, 1973) über ihren Job, unterbrochen von virtuos auf Massive Attack geschnittene und zum Teil recht explizite Filmexzerpte. Ein Musikclip im ursprünglichen Sinne ist das nicht, ebenso wenig wie auch Synesthesia von Terri Timely, ein farbenfroher und wunderbar skurril inszenierter Film über verschobene Sinneswahrnehmungen.

Diese sehr offen verstandene Definition macht das MuVi-International-Programm aber letztlich erst richtig spannend und wirft nochmal ein ganz anderes Licht auf die eher typischen Clip-Vertreter – solche zum Beispiel mit Performance-Charakter: In The Underpass von Anupa Madawela etwa wird zur Musik von A Grave With No Name ein Piano zu Kleinholz verarbeitet, wobei die Axthiebe an sich herausgeschnitten wurden, so daß der Eindruck entsteht, es zerstöre sich gewissermaßen selbst. Schön auch das an das Extrem der Wiener Aktionisten und Artverwandte gemahnende Video Dear God, I Hate Myself (Regie: Jamie Stewart). In einer dreiminütigen Einstellung dürfen wir die Künstlerin der Formation Xiu Xiu dabei beobachten, wie sie sich fachgerecht die Finger in den Hals steckt und in mehreren Schwallen ihren Magen entleert, u.a. auch auf ihren Sitznachbarn, der sich derweil mit Schokolade vollstopft.

Ein ähnlich hoher persönlicher Einsatz, wenn auch mit deutlich weniger auf den Magen schlagender Wirklichkeit versehen, offenbart sich in drei Beiträgen, die nicht nur sprachlos vor Begeisterung machen, sondern auch belegen, wie spiel- und experimentierfreudig die Gattung des Musikvideos auch heute noch ist. Da wäre zum Beispiel This Too Shall Pass von James Frost (Musik: Ok Go): Eine absolut irrsinnige Rube-Goldberg-Maschine braucht fast vier Minuten, um nach Verschleiß der abwegigsten Haushaltsgeräte die vier Bandmitglieder mit Farbe vollzuspritzen. Ob nun versteckte Schnitte in der Sequenz enthalten sind oder nicht: Dieser Pop-Kindergeburtstag ist einfallsreich und aufwendig wie nur Weniges – wie zum Beispiel Shynolas hinreißendes Video zu Coldplays »Strawberry Swing«. Chris Martin im Superheldenanzug bewegt sich auf der Straße liegend zu Kreidemalereien in Stop Motion, die eine Welt aus Abenteuer und Monsternager entstehen läßt. Das ist ebenso fantastisch wie, um einen letzten Titel zu nennen, Grindin' von Rogier van der Zwaag aus den Niederlanden. Dort entsteht mittels eines Klötzchenmodells zu Technobeats ein berauschender visueller Trip aus Farben und Formen.

Die Mühe, die in solchen Arbeiten steckt (die Macher der australischen Kreide-Stop-Motion Autumn Story erzählten in Oberhausen von sechs Monaten Arbeit für fünf Minuten Video), ist mit Geld gar nicht zu bezahlen. Sie beweist aber nachdrücklich, wie wichtig und wie eigenständig die Gattung des Musikvideos für visuell arbeitende Künstler nach wie vor ist, denn in der gängigen Verwertungskette des klassischen Kurzfilms sind solche auf einer optischen Grundidee beruhenden Clips im Grunde nicht vorstellbar. 2010-05-01 10:07

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