— — —   DER SCHNITT IST OFFLINE   — — —

KunstFilmBiennale 2009

KunstFilmBiennale 09. D 2009. L: Heinz Peter Schwerfel.
Köln/Bonn, 28.10. – 1.11.09
02

Bettkantengeschichten

Von Cornelis Hähnel Wenn die Kunst mit dem Kino das Bett teilt, können erstaunliche Dinge passieren. In zerwühlten weißen Laken und bei schummerigem Licht verschmelzen die beiden zu einem untrennbaren Ganzen und produzieren etwas ganz Eigenes. Entweder ist es laut, nervenzerfetzend und anstrengend, oder man kann stundenlang in Verzückung schwelgen, doch immer ist man dankbar. Geschlechterspezifische Trennungen sind bei diesem Paar, trotz grammatikalischer Zuordnung, nicht möglich, wer von wem profitiert soll der definitionssüchtige Mob entscheiden.

Einen dennoch spezifischen weiblichen Blick erlaubte der Programmblock »Die Einsamkeit der Frauen«. Als Warm-Up schlüpfte die amerikanische Künstlerin Alex McQuilkin in I Wish I Was a Beam of Light in die Rolle von Catherine Deneuve in Polanskis Ekel. Drei Minuten verweilt die Kamera auf McQuilkins Gesicht, das Ticken einer Uhr verdichtet ihren verlorenen Blick zum Auftakt einer unendlichen Traurigkeit. Qualvoll ziehen sich die Sekunden, und jedes Blinzeln scheint einen weiteren Verlust ihres Selbstbewußtseins zu forcieren. Eine hochdramatische wie zugleich unprätentiöse Hommage an die Grande Dame des Films, eingefangen in einer (fast) statischen Miniatur. Eine andere Art der Verbeugung vollführt Ute Ströer in Schlafende Füchsin. Sie verwandelt Hans Christian Andersens Märchen »Das Mädchen mit den Schwefelhölzern« in ein surreales Bildgedicht. Ströer schlüpft dabei in alle Rollen und arbeitet den Wahnsinn und den Horror der Geschichte heraus und zelebriert ein barockes Kontaktlinsen-Kostüm-Konzert.

Den Abschluß der einsamen Frauen bildete Katalin Varga von Peter Strickland. Die rumänisch-britisch-ungarische Koproduktion erzählt den Rachefeldzug einer jungen Frau, die von ihrem Mann und ihrem Heimatdorf verstoßen wurde. Zusammen mit ihrem Sohn macht sie sich auf die Reise, zurück zur Wurzel des ihr widerfahrenen Übels. Der Kameramann Mark Györi schafft es dabei, mit seinen wunderbar komponierten Tableaus der Karpaten, Katalins schmerzvollen Weg auf einem schmalen Grat zwischen Schönheit und Verlorenheit auszuloten. Es ist eine der vielen Ambivalenzen, die sich durch den Film zieht und ihn deshalb so verstörend macht. Die Entschlossenheit der Protagonistin, ihr Schicksal nicht zu akzeptieren einerseits, der auf der anderen Seite ihr unabwendbares Leid gegenübersteht. Das bewegende Regiedebüt von Peter Strickland ist mit seinen klaren Bildern und höchst diffizilen Charakteren einer der Höhepunkte der diesjährigen KunstFilmBiennale.

Ein anderes Highlight ist Extensions von Hans Op de Beeck aus dem Block »Exotica«. Der experimentelle Kurzfilm des belgischen Künstlers verwebt auf unaufdringliche Weise klassische Aquarellmalerei und digitale Bildbearbeitung. In verwässertes Schwarz getaucht durchlaufen die Bilder Situationen und Orte seltsamer Schönheit, ebenso verträumt wie realistisch. Ein Stimmungsgemälde mit nocturnalem Xylophonspiel, das sich sperrig an ein sprödes elektronisches Knarzen schmiegt.

Weniger entzückt von Aquarell als von Aquavit hingegen ist Corinna Harfouch als alkoholkranke Kommissarin Maggie in This is Love. Der neue Film von Matthias Glasner versucht der Unmöglichkeit der Liebe ein Gesicht zu geben. Auch hier liegt grundmotivisch die Frage nach dem freien Willen zugrunde, doch schwingt in den Bildern gegenüber denen des gleichnamigen Vorgängers ein zögerlicher Optimismus mit. Die Arbeit von Kamerafrau Sonja Rom brilliert mit fantastischen Bildern von unglaublicher Stärke und Schönheit, die dem grandiosen Spiel von Frau Harfouch und dem dänischen Lars-von-Trier-Darsteller Jens Albinus einen kongenialen Rahmen geben. Und trotz seines kontroversen Inhalts ist This is Love keine Provokation, sondern vielmehr ein Versuch, das Gefühl der Hilflosigkeit einzufangen.

In vielerlei Hinsicht beweist die KunstFilmBiennale ihre Intention und bringt, mal mehr, mal weniger geglückte Grenzgänger auf die Leinwand. Aber auch das Kunstkino kann sich ja nicht jeden Tag ein Ohr abschneiden. Und das muß es auch nicht. Allein die Möglichkeit zu sehen, daß es im Film auch anders zugehen kann, erfreut. 2009-11-02 16:31

Weitere Artikel

© 2012, Schnitt Online

Sitemap