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KunstFilmBiennale 2009

KunstFilmBiennale 09. D 2009. L: Heinz Peter Schwerfel.
Köln/Bonn, 28.10. – 1.11.09
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Kunst kommt von Können

Von Sascha Ormanns Erstmalig findet in diesem Jahr die KunstFilmBiennale auch im Kölner Cinedom statt – eigentlich ein Palast des Kommerz. Und so beschleicht einen beim Gang über den ausgelegten roten Teppich und Betreten des Kinos auch ein ambivalentes Gefühl, so ganz scheint all das nicht zusammenzupassen. Doch noch während man per Rolltreppe in den dritten Stock chauffiert wird, meint man, die Intention der Festivalorganisatoren zu verstehen: Kunst auch dem normalen Kinogänger zugänglich zu machen. Hinaus aus ihrem Elfenbeinturm, hinein in das alltägliche Leben.

Auch der Eröffnungsfilm Lebanon (in deutscher Uraufführung) verspricht Einblicke in ein Thema, zu dem man sonst so keinen Zugang hat. Samuel Maoz’ Langfilmdebüt erzählt vom ersten Libanonkrieg, konzentriert sich dabei jedoch auf die Situation von vier jungen Männern, die, eingesperrt in ihrem Panzer, versuchen, ihre mißliche Lage zu meistern. Todesangst zu überwinden. Zu überleben. Daß sich die wohl gewollt klaustrophobische Grundstimmung beim Zuschauer nicht so recht einstellen mag, liegt vor allem daran, daß die Beengtheit des Panzerinneren zum einen durch die Kameraführung innerhalb dessen und zum anderen durch den Blick nach Außen aufgebrochen wird. Für Zartbesaitete mag der Blick durchs Zielfernrohr nach draußen partiell zu voyeuristisch wirken. Spürbar ist – und war es auch nach der Vorführung – daß Lebanon polarisiert, womit er als Auftaktfilm für ein Festival, das konsequent versucht, die Grenzen zwischen Kunst und Kino aufzuheben, geradezu prädestiniert anmutet, eigentlich eine logische Konsequenz dessen ist.

Folglich gibt es auch bei der diesjährigen siebten Ausgabe der KunstFilmBiennale wieder zahlreiche Uraufführungen und Retrospektiven zu bewundern. In diesem Jahr wird unter anderem der bildsprachlich äußerst versierte New Yorker Kameramann und Regisseur Ed Lachman mit einer Werkschau bedacht, der sowohl bei kleinen als auch großen, sowie narrativen und dokumentarischen Produktionen für äußerst gelungene Fotographie verantwortlich zeichnet und somit die amerikanische und europäische Filmkunst entscheidend mitgeprägt hat.

Doch nicht nur eine, schon oben erwähnte, örtliche Doppeldeutigkeit scheint mitzuschwingen, auch im Programm ist diese gespiegelt, so werden in zwei Wettbewerben – im Bild-Kunst Förderpreis für experimentellen Film und im Internationalen Wettbewerb – gleich vier unterschiedlich hoch dotierte Preise ausgelobt. Im Bild-Kunst-Wettbewerb (in Deutschland lebende, studierende oder arbeitende Nachwuchskünstler und -regisseure bis 35 Jahre konnten ihre Werke einreichen) durfte der Zuschauer am gestrigen Donnerstag eine bunte Mischung von Filmen bewundern, die vom reinen Experimentalfilm über narrativere Versuchsanordnungen bis hin zum Dokumentarischen reichte, wie Jana Debus’ Gregor Alexis, mit dem es der Filmemacherin gelingt, ein eindringliches und bemerkenswertes Porträt ihres an Schizophrenie erkrankten Bruders zu skizzieren.

Heiko Tippelts An sich eröffnete da noch eher klassisch experimentell anmutend, minutenlang betrachtet man eine komplett weiße Leinwand, nur begleitet von verstörendem Rauschen, auf der sich nach gefühlt endlosem Warten ein wiederum weißer Bildausschnitt scharfzeichnet und letztlich eine das Publikum filmende Kamera offenbart – ein selbstreferenzielles Wahrnehmungsspiel. Daran – auch thematisch – anschließend konnte man Mario Pfeifers hochinteressanten Yet untitled (»Pieces of Nature«) bestaunen, der den Ort innovativ abbildet, an dem Film entsteht: das Studio. Inspiriert von einer Fotographie Jeff Walls bildet der Regisseur hier gleichzeitig das ab, was vor, aber sozusagen auch hinter der Kamera passiert: Er filmt die Handlungsräume nicht direkt, sondern »über« Spiegel und bricht somit teilweise mit der Wirklichkeit. Tier im Wald und Kopfgeburtenkontrolle nähern sich einem sehr ähnlichen Inhalt auf komplett unterschiedliche Weise: der Überforderung mit der heutigen Welt. Während Jan Riebecks Kopfgeburtenkontrolle eher einem humoristisch anmutenden Haudrauf-Prinzip folgt, zeichnet Bettina Nürnberg in Tier im Wald ein entschleunigtes, literarisch-geprägtes Universum, dessen Protagonisten den Romanen von Mann, Duras, Bernhard und Oe entnommen sind. Daniel Kötter und Hannes Seidel liefern mit Film für übers Sofa ihre ganz eigene Reflexion über das filmische Erzählen. Eine statische Kamera, die nur in einer Zimmerecke steht und hin- und herschwenkt zeichnet das Geschehen auf, das im nächsten Loop auf einem im Radius der Kamera befindlichen Bildschirm zu sehen ist, wodurch eine überraschend-interessante Überlappung von Film- und Zeitebenen entsteht, die in ihrer repetitiven Art für ein erstauntes Durcheinander sorgt. Schlußendlich sei noch erwähnt, daß diese sechs Filme im übrigen nur den ersten Teil von insgesamt 32 von einer Vorjury ausgewählten Filme darstellen – bleibt zu hoffen, daß die noch folgenden es schaffen, das hohe Niveau zu halten, und es ihnen weiterhin gelingt zu zeigen, daß sich Kunst und Kommerz nicht zwangsläufig ausschließen. 2009-10-30 17:42

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