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Internationales Filmfestival San Sebastián 2009

57. Donostia Zinemaldia Festival de San Sebastián. E 2009. L: Mikel Olaciregui.
San Sebastián, 18. – 26.9.09
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Vorprogrammierte Meinungsdifferenzen

Von Manuela Schilling Geschmäcker sind bekanntlich verschieden. Insbesondere die Meinungen von Jury und Kritikern gehen oft auseinander. Die 57. Ausgabe des Internationalen Filmfestes in San Sebastián endet immerhin mit einer einstimmigen Jury-Entscheidung. Der chinesische Film City of Life and Death holt die Goldene Muschel für den besten Film im Wettbewerb. Die Kritiker spenden versöhnlichen Beifall. Die Schwarzweiß-Inszenierung über den Krieg zwischen China und Japan sagt auch ihnen zu.

Die Verkündung der anderen Preise verläuft weniger harmonisch. Ohne Pfiffe und Buh-Rufe wäre das Ende des Festivals aber auch kaum denkbar. Der zweite große Gewinner ist Yo, también, über die Beziehung zwischen Daniel und seiner Arbeitskollegin Laura. Beide Darsteller erhalten die Silberne Muschel als beste Schauspieler. Während die Wahl von Lola Dueñas noch mit Applaus quittiert wird, schwingt bei der Entscheidung für den am Down-Syndrom leidenden Pablo Pineda das Unverständnis mit, da seine Leistung in weiten Teilen auf einer autobiographischen Darstellung beruht. Der absolute Kritiker-Favorit El secreto de sus ojos – ein argentinischer Film von Juan José Campanella, der einen spannenden Thriller mit einer ordentlichen Prise Wortwitz mischt – geht dagegen komplett leer aus.

Soweit die Differenzen zwischen Jury und Kritikern. Entscheidend für den Erfolg an der Kinokasse ist jedoch eine dritte Meinung: die des Publikums. Sowohl das Gesamtpublikum als auch die kinointeressierten Jugendlichen haben bei ihrer Wahl auf thematisch schwierige Filme gesetzt.

Mit Precious verfilmt Regisseur Lee Daniels den Roman »Push« über die Analphabetin Claireece »Precious« Jones. Ihr Problem ist weder das Übergewicht noch die mangelnde Schulbildung, sondern die kathastrophalen Familienverhältnisse, in denen sie aufwächst. Bereits am Anfang des Films schneidet Daniels Bilder zusammen, in denen sie von ihrer Mutter mißhandelt und von ihrem Vater vergewaltigt wird. Als sie mit 16 zum zweiten Mal schwanger wird, fliegt sie von der Schule. An diesem Punkt enden ihre Probleme noch lange nicht. Nach jeder Mißhandlung, jeder Demütigung flüchtet sich Precious in ihre eigene Phantasiewelt, in der sie als Star umjubelt wird. Die Stärke des Films liegt in dem Kontrast der vermischten Bilder, die ruhige Erzählweise, in der die Gewalttaten vermittelt werden, und die Hoffnung, die er trotz aller Grausamkeit weitergibt. Seit den Erfolgen bei Sundance und dem Toronto Filmfestival wird Precious als Oscar-Kandidat gehandelt.

Ein wenig an den Oscar-Abräumer aus dem Vorjahr, Slumdog Millionaire, erinnert der Favorit der Jugend in San Sebastián: Min Dît – The Children Diyarbakir. Für seinen ersten Spielfilm erhielt Regisseur Miraz Bezar prominente Unterstützung dank der Koproduktion durch Fatih Akin. Im Mittelpunkt stehen die kurdischen Geschwister Gulistan und Firat, deren Eltern von den türkischen Paramilitärs vor deren Augen erschossen werden. Auch ihre letzten Bezugspersonen wie die politisch aktive Tante oder die hilfsbereiten Nachbarn verschwinden nach und nach, bis sich die Kinder schließlich allein auf der Straße durchschlagen müssen. Als ihnen Jahre später der Mörder ihrer Eltern über den Weg läuft, hilft ihnen die Fabel, die ihre Mutter ihnen immer wieder erzählte, um angemessen Rache zu nehmen. 2009-09-28 11:39

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