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Internationales Filmfestival San Sebastián 2009

57. Donostia Zinemaldia Festival de San Sebastián. E 2009. L: Mikel Olaciregui.
San Sebastián, 18. – 26.9.09
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Gute Tabus, schlechte Tabus

Von Manuela Schilling Kritik ist die Essenz eines Filmfestivals. Regisseure tadeln die Gesellschaft. Kritiker wiederum beanstanden deren Umsetzung. Kontroverse Themen sind an der Tagesordnung, viele Beiträge nur schwer zu verdauen. Tabus brechen auch die Werke des spanischen Duos Álvaro Pastor und Antonio Naharro sowie des deutschen Regisseurs Matthias Glasner. Yo, también und This is Love beschäftigen sich mit der Frage, wer darf wen lieben. Eine behinderte eine nichtbehinderte Person? Ein Erwachsener ein Kind?

Von Matthias Glasner ist man starken Tobak gewohnt. In Sexy Sadie und Der freie Wille spielte Freund und Kollege Jürgen Vogel erst einen Serienmörder, dann einen Vergewaltiger. Diesmal verkörpert der dänische Charakterdarseller Jens Albinus den pädophil veranlagten Chris, der gegen seinen Trieb ankämpft. Mit seinem Kumpel Holger – und da ist sie wieder, die Konstante, Jürgen Vogel – kauft Chris der vietnamesischen Mafia eine Kinderprostituierte ab. Nur um die kleine Jenjira dann an eine deutsche Adoptivfamilie weiterzuverscherbeln. Doch die wollen laut Holger im letzten Moment »lieber ein kleines schwarzes Mädchen, statt ein gelbes«.

Das Thema Menschenhandel aber auch die Psyche der kleinen Jenjira bleiben in den 107 Filmminuten weitgehend im Hintergrund. Die Kamera konzentriert sich auf Chris, der beschließt, die Neunjährige zu behalten, anstatt sie der Mafia zurückzugeben. Ein netter Mann, einer von den Guten, könnte man denken. Würde der dünne Blonde nur nicht jedesmal so schrecklich lange zögern, bevor er dem Mädchen eine Strähne aus dem Gesicht streicht. Der innere Kampf ist deutlich, die sich anbahnende Niederlage scheint unvermeidlich. Und doch verzichtet Glasner diesmal auf ein suizidlastiges Ende. Dank dem Verständnis, das Kommissarin Maggie – Corinna Harfouch als weitere Konstante in Glasner-Werken – Chris entgegenbringt, geschieht weder ihm noch der Kleinen etwas.

Während man über Chris’ Vergangenheit und Motivation wenig erfährt, wird das Schicksal von Maggie, deren Mann sie vor 16 Jahren verließ, detailreich und Stück für Stück aufgerollt. Nicht nur deshalb ist ihre Geschichte leichter nachzuvollziehen. Alkoholsucht ist ein alltäglicheres Thema. Sie könnte sich an verschiedenste Hilfsorganisationen wie die Anonymen Alkoholiker wenden, doch welche Hilfe könnte Chris in Anspruch nehmen? Unerwiderte Liebe schafft Monster, so Glasners Aussage. Für das Massenpublikum ist der Film nicht ohne weiteres geeignet.

Anders dagegen Yo, también, der die angesprochene Problematik mit Witz angeht, ohne den nötigen Ernst zu verlieren. Hauptdarsteller Pablo Pinedo hat als erster Europäer mit Down-Syndrom und Uni-Abschluß auch in Deutschland Schlagzeilen gemacht, im Film spielt er die ihm biographisch ähnliche Figur Daniel, der nun seine erste Arbeitsstelle antritt. Als er seine Kollegin Laura kennenlernt, ist es um ihn geschehen. Er ist verliebt. Zu Beginn behandelt sie den neuen Mitarbeiter noch wie ein Kind. Dank seines Charmes merkt sie jedoch, daß er anders ist als andere mit gleichem Krankheitsbild. Die Problematik ihrer Beziehung bleibt jedoch bestehen, trotz einer Annäherung der beiden kommt der Film ohne ein schnulziges und realitätsfernens Ende aus. 2009-09-25 16:49

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