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Internationales Filmfestival San Sebastián 2009

57. Donostia Zinemaldia Festival de San Sebastián. E 2009. L: Mikel Olaciregui.
San Sebastián, 18. – 26.9.09
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Gott und Zuschauer auf die Probe gestellt

Von Manuela Schilling Kein Zweifel, Religion ist ein aktuelles Thema. Es wird viel diskutiert sowohl in der realen als auch in der Filmwelt. Nur »in« ist es unter jungen Leuten eben nicht. Wer sich als gläubig oder praktizierend bekennt, erntet schnell schräge Blicke. So ergeht es auch den beiden jungen Theologiestudentinnen Céline in Hadewijch und Clara in Desperados on the Block. Sie wirken isoliert und unverstanden, stellen schließlich ihre einzige Überzeugung – ihren Glauben an Gott – infrage.

Der französische Regisseur Bruno Dumont läßt seine Protagonistin Céline gleich zu Beginn weinend durch den Wald rennen. Allein. Keine Stimme, keine Musik begleiten sie. Ohne Dialog geht es mit schier endlosen Einstellungen weiter, die den Zuschauer langsam, sehr langsam auf Augenhöhe mit ihrer Welt bringen. Die 20jährige lebt zwar im Kloster, doch auch hier wird sie nicht verstanden. Zu extrem empfinden die anderen ihr Verhalten, sie hungert, sie friert, sie quält sich selbt. Schließlich setzt die Mutter Oberin Célines Verhalten ein Ende und verweist sie des Klosters.

Zurück in der Wohnung ihrer wohlhabenden Eltern mitten in Paris könnte der Kontrast kaum größer sein. Die Weltlichkeit quillt in der riesigen, reich verzierte Altbauwohnung aus allen Poren und hat absolut nichts mit Célines kargem Klosterzimmer gemein. Die Beziehung zu den Eltern ist unterkühlt. Das junge Mädchen wirkt umso zerbrechlicher. In einer Bar freundet sie sich mit Yassine an. Während sie seine plumpen Annäherungsversuche mit den Worten »Ich liebe Gott« abwehrt, vergißt sie ihre religöse Überzeugung in anderen Szenen allzu schnell. So springt sie etwa ohne langes Zögern auf das gerade von Yassine geklaute Motorrad auf. Doch eine völlige Wandlung zum Partygirl, wie man nun erwarten könnte, bleibt glücklicherweise aus.

Als Céline auf Yassines älteren Bruder Nassir trifft, erreicht der Film eine andere Ebene. Er – der mindestens so überzeugt ist vom Islam wie Céline vom Christentum – hilft ihr, die Einsamkeit, die sie so quält, zu überwinden. Der Dialog zwischen den beiden Religionen könnte in viele interessante Richtungen führen und weckt Interesse. Doch leider schleichen sich ab der langen symbolträchtigen Einblendung eines Kreuzes aus roten Büschen mitten vor der Moschee von Nassir Schwächen im Drehbuch ein. So nah der Zuschauer dieser verlorenen Figur von Céline auch gekommen war in all den langen meditationsähnlichen Einstellungen, nun ist das Verständnis wie weggeblasen. Unglaubwürdig wirkt ihr plötzlich viel zu schneller Wandel zum islamischen Fundamentalismus und die noch überhastetere Rückkehr ins Kloster.

Im Gegensatz zu Céline hat die Rumänin Clara in Desperados on the Block von Tomasz Emil Rudzik kein verständsnivolles Gegenüber, mit dem sie ihre Ängste und Zweifel teilen könnte. Um endlich ein Zeichen von Gott zu erhalten, beschließt sie, die zehn Gebote zu brechen. Ob sie nun absichtlich und völlig unbeholfen ein Fahrrad stiehlt oder Fotos ihrer Eltern auf der ekligsten Jungentoilette des Wohnblocks aufhängt, nichts scheint ihr so recht zu gelingen. Besonders das Gebot »Du sollst nicht Ehebrechen« ringt der schüchternen Clara zwei Anläufe ab. Es ist Situationskomik vom Feinsten, wenn sie unbedarft versucht, ihren Nebenmann zu verführen, indem sie unerwartet ihren Rock hochzieht. Etwas subtiler wirkt sie, als sie vor den Augen ihres zweiten Opfers den BH auszieht, um das Teewasser auf ihre eigene Art und Weise zu filtern.

Rudziks erster Spielfilm ist leichtere Kost als die Abhandlung von Dumont. So ist Claras Part – überzeugend dargestellt von der selbst gläubigen Schauspielerin Patricia Moga – auch nur eines der drei episodenhaft erzählten Schicksale, wenn auch das wohl verblüffendste. Mag das Werk auf den ersten Blick einfach lustig und unterhaltenend sein, so scheint doch durch, daß die drei Protagonisten, neben Clara der taubstumme Motek und der chinesische Austauschstudent Sin, mehr gemein haben, als die Tatsache im selben Studentenwohnheim zu leben: nämlich das Gefühl, in dem grauen Block allein zu sein.

Auf ein zufälliges Kennenlernen der drei wird verzichtet. Stattdessen bekommt der Zuschauer verschiedene Ansätze gezeigt, mit diesem Gefühl der Einsamkeit fertig zu werden. Gelegentlich laufen die Protagonisten aneinander vorbei oder stehen im selben Aufzug. Genau dort sammelte Rudzik, der selbst in besagtem Münchener Wohnblock lebte, auch die Ideen für sein Werk. Der Film gewinnt an Authentizität dadurch, daß die andere beiden Hauptrollen nicht mit professionellen Schauspielern besetzt wurden, sondern von einem wirklichen Taubstummen (Andreas Heindel) und einem chinesischen Studenten (Lizhe Liu). Sie müssen nicht erst versuchen zu verstehen, welche Rolle sie spielen sollen, sondern bringen sich spürbar selbst mit ein. 2009-09-23 12:10

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