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Kurzfilmtage Oberhausen 2009

55. Internationale Kurzfilmtage Oberhausen. D 2009. L: Lars Henrik Gass. Oberhausen, 30.4. – 5.5.09
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Unwirkliche Wirklichkeiten

Von Dieter Wieczorek Noch weiter gestiegene Zuschauerzahlen bei den Oberhausener Kurzfilmtagen und ein überaus aufmerksames und wohlwollendes Publikum sind deutliche Zeichen, daß das Interesse an alternativen Filmformen und audiovisuell experimentierfreudigen Beiträgen ständig wächst. Es scheint sich ein Unbehagen breit zu machen angesichts der selektierten und medial dem Immergleichen huldigenden Beiträgen von TV-Produktionen und eines immer mehr Vermarktungschancen unterworfenen Filmgeschehens. In den letzten Jahren ist eine weltweite Festivalkultur entstanden, die eine im öffentlichen Raum wohl einzige Alternative zu vereinfachenden bis hin zu vulgarisierenden Realitätsdarstellungen in Form und Inhalt liefert. Der Hunger nach neuen Bildern, Schlagwort der Kunstszene in den 1980er Jahren, manifestiert sich in Oberhausen unüberschaubar. Oberhausen ist alles andere als ein gefälliges Festival. Kargheit, Absage an Eingängigkeit und emotionale Suggestion, Enigmatik und Negation aller Erwartungshaltungen, die professionellen Besucher eingeschlossen, sind hier positive Werte, und allein dafür ist das Festival nur zu loben.

Ein anderes Schauen aber hat seine Wurzeln, seine Intensitäten und Referenzen, die in der Filmgeschichte liegen. An eine entscheidende kulturelle Mangelstelle erinnerte der Festivalleiter Lars Henrik Gass in seiner Eröffnungsrede. Heute sind für viele Jugendliche Namen wie Murnau, Lang oder Fassbinder Fremdworte. Ist aber nicht gerade die (nicht nur nationale) Filmgeschichte ein maßgebliches Medium der Selbst- und Wirklichkeitsreflexion, das es gerade in seiner Ausdifferenziertheit zu bewahren gelte als Quintessenz einer kulturellen Lebensform? Folglich gehörte Filmgeschichte und Filmsichtung in die Programmpläne aller Schulen, gleichgestellt mit Literatur und Philosophie. Man möchte anfügen, sogar noch übergeordnet, ist doch kein Medium gesellschaftspragmatisch mächtiger als die audiovisuelle Darstellung, die in ihren (auch manipulierenden) Möglichkeiten zu begreifen ein emanzipatorischer Akt ersten Grades ist. Daß heute kulturelle Sensibilisierung an die Stelle religiöser Sinn- und Wertestiftung getreten und für eine sich noch als werteorientiert verstehende Gesellschaft zum essenziellen Punkt geworden ist, wurde in den diesmal – wohl auch angesichts des Hintergrundrauschens einer ökonomischen Krisenstimmung – kaum standarisierten Eröffnungsreden, auch von ministerieller Stelle, bestätigt.

Alternative Wirklichkeiten und Bildformen gehören zu den Credos Oberhausens. Als gelungenes Beispiele sei nur Gran Deviċs Dokumentarfilm Tri genannt, der Bezug nimmt auf die schablonisierte Darstellungen des serbisch-bosnischen Krieges der jüngsten Geschichte. Durch Zeugenbefragungen werden weit komplexere Perspektiven auf Fragen nach Schuld und Verantwortung eröffnet als einstige Mediennachrichten es zuließen. Vor allem ist der Film ein eindringlicher Beitrag zur blitzschnellen und stets möglichen Transformierung von Familienvätern in Mordmaschinen, sobald ein Befehl nur vorliegt. In dem Porträt der nordirischen Aktivistin Bernadette, zweifach preisgekröntes Werk von Duncan Campell (GB), wird Geschichte lesbar aus der Optik erfolgreicher Auflehnung. In Nora rekonstruieren die US-Amerikaner Alla Kovgan und David Hinton die Geschichte der in Zimbabwe geborenen Tänzerin Nora Chipaumire, der es gelingt, Traumatismen ihrer Vergangenheit in choreographische Bewegung zu transformieren und zu transzendieren.

Von großer formaler Innovationskraft und abweichenden emotionalen Registern zeugte die Fülle der aus Asien kommenden Beiträge, die in Oberhausen in einem zehn Sektionen umfassenden, den Stand der Dinge einfangenden Fokusprogramm, betitelt »Unreal Asia«, präsentiert wurden. Das für die kuratorische Sorgfalt seiner Fokusprogramme bekannte Oberhausen, die man sich – beiläufig gesagt – auch als Unterrichtstoff in allen Schulen wünschte, seien hier nur drei erwähnt. Der aus Indonesien kommende Dokumentarfilm Mango von Tonny Trimasantu handelt von der sozialen Stigmatisierung männlicher Homosexueller und Transsexueller, die oft von der eigenen Familie verstoßen in ein Zwangsexil getrieben werden. Im vietnamesischen Beitrag Better than Friends wird ein sympathisches Paar porträtiert, das sich als Hundeschlächter über Wasser hält. Tuan Andrew Nguyen zeigt das Rösten der Hundekadaver vor der Haustür auf dem Bürgersteig, nur ein Beispiel, wie vor allem durch Detailbeobachtung das Spektrum ferner emotionaler Welten effizient eröffnet werden kann. Von endenden Traditionen und Riten auch in Asien handelt Tan Pin Pins Dokumentarfilm Moving House. Die in Singapur durch Raumnot erzwungene Umbettung der sterblichen Reste von Grabstätten in Miniurnen transformiert eine Todeskultur, zu der es gehörte, auf Grabstätten zu plaudern, zu speisen und zu feiern, hin zur globalisierten Verdrängung des Todes zum leeren, schreckenden Abstraktum. Die Angehörigen selbst sind für die Ortsverlegung in einen Massenurnenfriedhof verantwortlich. Jedem, der diese humorvolle Ausgrabung und das heitere Spiel mit den Skelettresten von Eltern und Großeltern gesehen hat, wird die krampfhafte Bitterkeit unserer Friedhof- und Todeskultur von nun an als vielleicht hintergehbar erscheinen.

Schon jetzt freut man sich auf das nächste Oberhausen. Andere Welten warten.
2009-05-14 10:58

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