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Kurzfilmtage Oberhausen 2009

55. Internationale Kurzfilmtage Oberhausen. D 2009. L: Lars Henrik Gass. Oberhausen, 30.4. – 5.5.09
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Ereignislose Zimmerecken

Von Franziska Schuster »Ich will nicht wie eine Taube leben in Europa.« Mehr Beschreibungstext steht nicht im Katalog zu Michel Klöfkorns Film n. n., gesehen im Programm Nr. 1 des deutschen Wettbewerbs. Wie eine Taube will spätestens seit La vieille dame et les pigeons von Sylvain Chomet sicher niemand mehr leben, und wenn die filmische Umsetzung des Klöfkornschen Unwillens auch ähnlich verstörend daherkommt, so ist sie indes weit abstrakter. Um Tauben geht es nur im übertragenen Sinne, denn hier entwickeln die Metallspitzen, die zur Abwehr der Vögel auf Fassadenvorsprüngen und Leuchtreklamen angebracht werden, ein bedrohliches Eigenleben. In einer apokalyptischen Zukunftsvision verbiegen sich die Stacheln zu ameisenähnlichen Wesen, erobern in großen Schwärmen die Welt und zerlegen, was ihnen in den Weg kommt, in kleine Splitter. Im Zeitraffer geht die Zivilisation dahin, und niemand ist da, um sie zu vermissen. Was bleibt, sind Landschaften, skandinavisch-moosige Hügel, schwimmende Eisschollen, Nebelschwaden.

Ketamin – Hinter dem Licht von Carsten Aschmann, auch hier: Landschaft. Auch hier: Berge. Wolken. Wasser. Venedig morbide. Eine handwerklich überzeugende Montage aus Bild, Tondokumenten, Zitaten und Musik. Rhythmisch montiert, schön fotografiert, melancholisch – und irgendwie belanglos. Anderswo wäre er Videokunst, in Oberhausen und speziell in diesem Programmblock wirkt der Film fast ein wenig zu gefällig, ein glänzend polierter, exotischer Reisekatalog.

Rauher, aber mit ähnlichen Motiven präsentiert sich Ute Aurands Triptychon A Walk/Im Park/Zuoz: Nostalgisch wie ein altes Fotoalbum, eine 16mm-Komposition aus Sommer und Winter, die Sehnsucht nach einer Welt, in der es nur Tiere und Blumen und Berge gibt. Momente aus dem Gedächtnis einer Spaziergängerin, die es nicht eilig hat. Und der einzige Film in einem ansonsten reinen Videoprogramm, übrigens der einzige 16mm-Beitrag überhaupt im Deutschen Wettbewerb.

Außerdem: Heat (Micah Magee). Ein orts- und zeitloses Gangstermovie, ein Spiel mit Genreanklängen, die nicht aufgelöst werden, eine Reihe von Déjà-vues. Und: Rebeca (Gonzalo H. Rodríguez). Ein fürchterlicher Unfall und der Versuch, etwas über die eigene Identität herauszufinden. Körperlich beklemmend, intelligent aufbereitet. Entgeht der Sentimentalität durch Selbstironie und bleibt trotzdem bewegend.

Der vielleicht überzeugendste Mitbewerber aus diesem Programm hat ein sehr simples Konzept, das dank der gekonnten Umsetzung hervorragend funktioniert. Die Kamera fährt an einer Mauer entlang, der Ton von Absätzen auf Asphalt suggeriert das Auge einer Fußgängerin, die im Vorbeigehen Blicke durch die Fenster erhascht: Voyeur von Aleksandar Spasoski. Nie verharrt das Bild lange genug auf einer beobachteten Szene, um deren Intimsphäre zu verletzen – aber doch lange genug, um Geschichten erahnen zu lassen. Manches erkennt man wieder, Momentaufnahmen aus anderen Filmen, tragische Situationen, aber auch ereignislose Zimmerecken, in die wir noch nie geschaut haben, vertraut und zugleich fremd, und durch die Plazierung im Fensterrahmen mit einer verblüffenden räumlichen Tiefe versehen. Auch ein im Grunde nicht-narrativer Film kann zum Bersten mit Erzählungen gefüllt sein. 2009-05-04 12:33

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