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Kurzfilmtage Oberhausen 2009

55. Internationale Kurzfilmtage Oberhausen. D 2009. L: Lars Henrik Gass. Oberhausen, 30.4. – 5.5.09
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Rain and Sexy Chicks

Die MuVi-Programme

Von Oliver Baumgarten Zum elften Mal rückte in Oberhausen das Musikvideo für zwei Programme in den Mittelpunkt der umfassenden Kurzfilmschau und stieß nach wie vor auf kaum gemindertes Interesse. Vor jeweils komplett gefülltem Saal gab es am Freitag eine internationale Auswahl zu sehen, während am Samstag Abend traditionell die für die MuVi-Preise nominierten deutschen Beiträge liefen. Die Verleihung der Preise durch die Jury (Elke Buhr, Diedrich Diederichsen und Herbert Fritsch) schloß sich direkt daran an.

Das große Interesse in Oberhausen an den Musikvideos ist ein faszinierendes und großartiges Phänomen, da sich diese spezielle Form des Kurzfilms seit dem Niedergang des Musikfernsehens in ständiger Transformation befindet – und ihr Endpunkt ist nach wie vor komplett offen. Was also einmal aus dem Musikvideo werden wird, weiß niemand, und in genau dieser Ungewißheit dürfte sich auch die Wurzel jenes großen Interesses, jener Neugier finden. Man scheint gespannt, was das einst so innovativ geltende Genre mit sich anfängt. Und da seitens der Musikindustrie kaum noch in teure Videos investiert wird, sucht das Genre nicht nur nach neuen Ausdrucksformen, sondern längst auch nach neuen Produktionsumständen und natürlich Abspielstätten (Internet vor allem). Die Jury sprach in ihrem Vorwort zur Verleihung von dem »autonomen Kunstanspruch«, mit dem die Videomacher anzutreten scheinen.

Mit anderen Worten: Die Rockerposen in Zeitlupe, Windmaschinen und »Rain and Sexy Chicks«, wie es in Zoran Bihacs nominiertem Video Novel heißt, haben eindeutig abgedankt. Am schönsten thematisierten dies die beiden Performance-Künstler Luigi Archetti und Bo Wiget in ihrem Beitrag Some of My Best Friends. In automatisierten und schwerfällig einstudiert wirkenden Posen rattern die beiden die zu Monumenten versteinerten Vornamen aus der gesamten Rock- und Popgeschichte runter, indem sie kleine Schilder hochhalten und sie anschließend achtlos fortwerfen. Die Musik dazu haben sie auch gleich selbst komponiert, wodurch Some of My Best Friends in der Tat einen klaren »autonomen Kunstanspruch« zu formulieren weiß, denn Musik und Bilder gehören hier untrennbar zueinander, das eine gäbe es nicht ohne das andere.

Gerade diesen Aspekt haben die Kurzfilmtage in ihrer Programmierung auch immer wieder betont: Im internationalen Programm beispielsweise lief ein siebenminütiger Beitrag von Jens Pecho. Medley ist ein Zusammenschnitt von Textzeilen aus unzähligen Musikstücken diverser Genres, in denen sich Homophobie auf teilweise erschreckend krasse Weise ausdrückt. Der sich so ergebende Gesamttext ist als Laufschrift zu sehen, während die Tonspur sich aus den vielen Songteilen zusammensetzt. Auch hier also entstand ein komplett neues Werk, Musik und Bilder gehören untrennbar zueinander, das eine gäbe es nicht ohne das andere.

Doch natürlich waren in beiden Programmen auch im Sinne der Zweckhaftigkeit eher klassisch funktionierende Videos vertreten, die gedreht wurden, um bestehenden Songs eine visuelle Ebene hinzuzufügen. Herausragend etwa die Arbeit des Engländers Nick Hooker für das Video Corporate Cannibal. Er fotographierte die Sängerin Grace Jones in düsterem Schwarzweiß, wobei er sich eines extremen Zerrspiegels bedient und damit die ohnedies schon eindrucksvolle Ausstrahlung der Künstlerin verstärkt, indem dämonische Fratzen entstehen, ausgemergelte Max-Schreck-Figuren und bedrohliche Alien-Anmutungen. Schön auch das extrem aufwendig in einer Plansequenz gedrehte Video Cash in My Pocket von Kim Gehrig und natürlich die animierten Ochsen, auf denen Björk in Wanderlust durch eine fantastisch gestaltete Welt driftet. Auch der Beitrag des Wettbewerbs, der den ersten Jurypreis und damit 2.500 Euro gewann, ist in diesem Sinne klassisch entstanden – seitens der Bilder allerdings hebt sich Pasajeros peregrinos pilotos von Thomas Köner (Musik: Porter Ricks) dann doch vom Rest ab. Die Ansicht eines urbanen Platzes füllt sich mittels Computereffekt mit digitalen Spuren der sich darauf bewegenden Passanten und vermag damit sicherlich, wie die Jury formulierte, auf die digitale Kontrollgesellschaft verweisen.

Da die kreative Vielfalt in der Umsetzung von Musikvideos national wie international derart groß ist, nimmt es kein Wunder, daß wir uns mit »Rain and Sexy Chicks« lange schon nicht mehr zufrieden geben wollen.


Die MuVi-Preise:
1. Preis: Pasajeros peregrinos pilotos von Thomas Köner (Musik: Porter Ricks)
2. Preis: Egodyston von Xenia Lesniewski (Musik: Groenland Orchester)
3. Preis: Graf von Karl Kliem (Musik: Lithops)

MuVi Online Publikumspreis:
Zum König geboren von Daniel Franke/Martin W. Maier (Musik: Marteria) 2009-05-04 00:07

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