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Kurzfilmtage Oberhausen 2009

55. Internationale Kurzfilmtage Oberhausen. D 2009. L: Lars Henrik Gass. Oberhausen, 30.4. – 5.5.09
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Zeig mir, was Du nicht zeigst

Von Oliver Baumgarten Ein Filmfestival darf sich dann als wichtig und bedeutend erachten, wenn es ein klares inhaltliches Profil entwickelt hat, das sich nicht nur in den Themen, sondern vor allem in der Filmauswahl spiegelt. Die Kurzfilmtage in Oberhausen sind ein solches Festival. Ihre Auswahl an Kurzfilmen in den Nebenprogrammen ebenso wie in den Wettbewerben zeugt seit Jahren von einer klaren Zielsetzung, der kompromißlosen Suche nämlich nach neuen Ausdrucksformen, nach künstlerischen Auseinandersetzungen mit dem Kurzfilm.

Insofern ist Oberhausen ein Festival, das sich die Souveränität ohne weiteres leisten kann, Einblicke hinter die Kulissen der eigenen Auswahl zu gewähren. Und so führte man in diesem Jahr das »Open Screening« ein, einen vierstündigen Abend, an dem jeder Filmemacher, dessen Werk von der Kommission abgelehnt worden war, dieses doch noch persönlich in Oberhausen vorstellen durfte. An sich ein absurder Gedanke, immerhin ist ein Festival ein Ort, an dem es eine kuratierte und damit subjektiv geprägte Gesamtkomposition von Filmen zu sehen gibt. Dieser – im Idealfall – Stilprägung vertraut man sich als Zuschauer an. Warum also sollte man sich auf einem solchen Festival ausgerechnet jene Filme anschauen, die – da sie abgelehnt wurden – vermutlich komplett der Zielrichtung jener Gesamtkomposition zuwiderlaufen? Vielleicht erhofften sich die zahlreichen Zuschauer, die am Freitag Abend das »Open Screening« besuchten, angesichts der abgelehnten Filme eine Bestätigung darüber, was die Kurzfilmtage denn nun wirklich ausmacht – nach dem Motto: Zeig mir, was Du nicht zeigst, dann zeigst Du Dein wahres Gesicht. Vielleicht aber erhoffte man sich auch ein wenig zerstreuende Erheiterung durch derben Trash, den solche Filmemacher ja wohl produziert haben müssen, die sich trauen, öffentlich ihre Ablehnung zur Schau zu stellen.

Knapp 100 Filmemacher hatten sich im Vorfeld zum »Open Screening« angemeldet, und vor vollem Haus liefen die Filme nach der Reihenfolge ihrer Anmeldungen über die Leinwand. Als allererstes wurde an dieser zufälligen Auswahl abgelehnter Filme deutlich, wie sehr der inhaltliche Ruf Oberhausens in der Welt verankert sein muß, denn nicht einmal im »Open Screening« überwog der sonst gängige irgendwie ulkige Kurzspielfilm, sondern Beiträge aus den Bereichen des Essayfilms und des Experiments. Üblen Trash also gab es nicht zu sehen, lediglich schlechte Filme, was ja eigentlich viel schwerer zu ertragen ist. Zumindest aber lagen die Gründe für ihre Ablehnung zumeist deutlich auf der Hand, und man dachte schon, allzu schwer könne es die Kommission ja nicht haben. Doch dann kam plötzlich ein Film wie Lay Claim to an Island vom angeblich extra für das »Open Screening« angereisten Kanadier Chris Kennedy, ein Film, dem objektiv kaum kritisch beizukommen ist, da muß schon kräftig der Geschmack bemüht werden: Kennedys Reflexion über Indianer auf Alcatraz nämlich war mir viel zu textlastig und vernachlässigte so seine zum Teil eindrucksvollen Bilder. Eine konzeptionelle Konsequenz aber ist dem Film nicht gänzlich abzusprechen. Hier war er also: ein Mediokrer, ein qualitativer Grenzgänger, ein Film, der genau so gut hätte in die Auswahl kommen können – und damit eben nur das Altbekannte unterstrich: Wie etwa die Filmkritik so ist auch das Kuratieren von Festivals eine zuhöchst subjektive Angelegenheit – zum Glück, denn das macht beides ja überhaupt erst spannend. Mag die Ablehnung von Festivals Filmemacher auch kränken: Als Festivalgast sollte man sich zufrieden zurücklehnen und die kuratierte Gesamtkomposition einfach als solche genießen. Also verließ ich das »Open Screening« und freute mich auf das nächste Wettbewerbsprogramm. 2009-05-03 09:45

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