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Kurzfilmtage Oberhausen 2009

55. Internationale Kurzfilmtage Oberhausen. D 2009. L: Lars Henrik Gass. Oberhausen, 30.4. – 5.5.09
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Erinnertes Gedächtnis

Werkschau Matsumoto Toshio

Von Franziska Schuster Auf die Leinwand wird ein Bild projiziert, auf dem eine Hand zu sehen ist, die ein Polaroid hält, auf dem eine Hand zu sehen ist, die ein Polaroid hält (Engram : Kioku kizuato, 1987). »Bilder«, sagt Matsumoto Toshio, »sind Erinnerungen. Das Bild eines Bildes ist also die Erinnerung an eine Erinnerung«.

Matsumotos Bilder sind vor allem Erinnerungen an Flüchtiges: Meereswellen, die mitten in der Bewegung einfrieren, vorbeiziehende Wolken, Lichtstimmungen; Bewegungen: Gesten, Schritte, Bewegungsrhythmen und -richtungen. Bereits in dem als lyrischer Dokumentarfilm angelegten Nishijin von 1961 spürt der Künstler mit feinsinniger Beobachtungsgabe vor allem den Bewegungsvektoren nach, die die Hände der Weber bei der Herstellung kunstvoll gemusterter Kimonostoffe beschreiben.

Matsumotos Werk scheint die Faszination an der Transformation zugrundezuliegen; lustvoll betrachtet, zerlegt, montiert, verfremdet er die Abbilder seines eigenen Blicks auf die Welt, die er auf Film und Video verewigt hat. Mit dem Drang eines Forschers findet er dabei immer neue Wege, mit seinem Material zu experimentieren: Indem er die Bewegungen als Prozeß von ihrem Gegenstand löst, werden sie zu abstrakten Gestaltungselementen. Die heranrollende Welle ist nur noch das Bild einer heranrollenden Welle, sobald der Rahmen nicht mehr mit der Begrenzung der Leinwand deckungsgleich ist, und mit zunehmender Verdopplung verfliegt letztendlich jeder Illusionscharakter zugunsten eines vielfach aufgefächerten Bildraumes, in dem es rhythmisch rauscht.

Auch Andy Warhol vervielfacht sich unter Matsumotos Händen und schaut mit diversen Augenpaaren durch große Brillengläser, aufgenommen während einer Ausstellung in Japan 1974. An Andy Warhol: Re-Reproduction zeigt sich, daß der japanische Meister seinen Objekten durch die Abbildung und Wieder-Abbildung keineswegs die Seele raubt, sondern ihnen auf wundersame Weise zur Unsterblichkeit verhilft. Kaum ein Film kommt Warhol so nahe, läßt den Menschen in einer Komposition aus Farbe, Unschärfe und Transparenzen so spürbar werden.

Matsumotos Filme wollen ihre Zuschauer nicht quälen, aber sie sind hochkomplexe Meditationen über das Wesen der Bilder. Sie sind avantgardistisch, selbstreflexiv und radikal in ihrer Auslotung der gestalterischen Grenzen audiovisueller Kunst, eingebettet in die medienwissenschaftlichen Diskurse seit der Nachkriegszeit und sicher auch außerhalb Japans nicht ohne Einfluß. Und bei alledem entbehren sie nicht einer augenzwinkernden Leichtigkeit – wenn sich eine feine Linie wie aus der Hand Oskar Fischingers nach und nach zu einer… Toilette auswächst oder ein piktographisch ausgestreckter Zeigefinger mit sinnentleerter Bedeutsamkeit eine Horizontlinie entlangfährt.

Spannend bleibt die Frage, wer hier eigentlich wen beeinflußt hat. 2009-05-02 20:20

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