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goEast 2009

9. Festival des Mittel- und Osteuropäischen Films. D 2009. L: Nadja Rademacher.
Wiesbaden, 22. – 28.4.09
04

Von Reden zu Bildern

Von Susan Noll Am Ende eines langen Festivaltages wartet ein Film, der alles ist: grausam, witzig, skurril und ernsthaft. Die weichen Sessel im Caligari fühlen sich plötzlich noch bequemer an, so wohl fühlt man sich mit diesem Film, der doch selbst eigentlich ein unbequemer ist. Aber ein gelungener unbequemer, und das macht Tableau (Ungarn 2008) sehenswert. Regisseur Gábor Dettre kündigt vorher an, nur ein paar Worte zu sagen, denn viel mehr als eine Handlung, die er dem sehr zahlreich versammelten Publikum kundgeben könnte, interessiere ihn die Geschichte hinter der Geschichte. Seine Figuren reden sich schließlich aber um Kopf und Kragen und verwenden dabei gerne das ein oder andere Kraftwort. Und wirklich, es offenbart sich sehr viel über diese Menschen in der Art und Weise, wie sie sprechen. Der Ermittler Karcsi soll einen Mord aufklären und muß sich dabei immer wieder Vorurteile über und Flüche auf die Zigeuner anhören. Da er selbst einer ist, läßt ihn das nicht nur an seinem Selbstbewußtsein zweifeln, sondern schließlich auch an seiner Ehe mit einer emigrierten Schwedin, die durch die Begegnung mit einem blutjungen Zigeunermädchen ins Wanken gerät.

Der Film seziert in seiner Radikalität, mit der sich die Figuren beschimpfen, angreifen und gleichsam eine tiefe Verunsicherung über die politische Position ihres Landes offenbaren, ungarische Befindlichkeiten, die hier auf diese Weise noch nie ausgesprochen wurden. Da öffnet sich der Blick für den latenten Rassismus und den alltäglichen Wahnsinn. Gleichzeitig scheinen Dettres Charaktere auf ganz ursprüngliche, menschliche Probleme zurückgeworfen zu sein: die Suche nach Heimat, Liebe und Gerechtigkeit; ästhetisch brillant inszeniert, mit einer festen Kamera und einer sprunghaften Jump-Cut-Montage, die das Unwichtige ausspart und nur die essentiellen Handlungen in den Vordergrund treten läßt.

Der Abschluß des Festivals wird schließlich ein langer, glanzvoller. Einmal mehr versammeln sich Gäste, Organisatoren und Zuschauer im herrschaftlichen Caligari Film Theater, um die Überreichung der Preise zu verfolgen, noch einmal die beeindruckenden Bilder der diesjährigen Filmauswahl in kurzen Ausschnitten auf sich wirken zu lassen und beim anschließenden Empfang im Rathaus einen letzten Umtrunk zu nehmen. Der Škoda-Shuttle bringt, wie schon das ganze Festival lang, seine Gäste sicher ans Ziel, und die sind zur Preisverleihung in großer Zahl erschienen, Wiesbaden scheint ihnen zu gefallen. Die Rheinstadt hat sich einmal mehr als guter Veranstaltungsort bewiesen, auf prachtvollen Alleen kann man hier zu den Kinos spazieren. Daß während des Festivals noch zusätzlich die Sonne besonders viel geschienen hat, macht den Abschied schwerer. Aber schließlich halten alle Preisträger ihre Trophäen in den Händen. Viele Worte machen sie nicht um ihre Auszeichnung, umso schöner, daß sie ihrer Freude freien Lauf lassen, Reden halten die Sponsoren und Präsentatoren ohnehin schon genug. Bester Film in diesem Jahr wird der georgisch-kasachische Beitrag Gagma Napiri / Das andere Ufer des Regisseurs George Ovashvili. Bleibt zu hoffen, daß Go East 2010 ebenso sonnig, ästhetisch anspruchsvoll und spannend wird wie in diesem Jahr. 2009-04-29 18:00

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