— — —   DER SCHNITT IST OFFLINE   — — —

goEast 2009

9. Festival des Mittel- und Osteuropäischen Films. D 2009. L: Nadja Rademacher.
Wiesbaden, 22. – 28.4.09
03

Zu Cowboys und zu Gangstern

Von Ines Schneider Die goEast-Hommage gilt 2009 der vielseitigen ukrainischen Regisseurin Kira Muratova. Korotkie Vstreči (Kurze Begegnungen) heißt ihr erster Film aus dem Jahre 1967. Darin stürzt sich die Beamtin Valentina (gespielt von Kira Muratova selbst) jeden Tag aufs Neue in den Kampf gegen die Baumängel der neuen Gebäude, die in Odessa den Fortschritt signalisieren sollen. Vom Fortschritt kann sie nicht viel erkennen, kaum eins der adretten Gebäude hat auch nur eine funktionierende Wasserleitung. Von den Frustrationen ihres Alltags kann sie nur ihr geliebter Ehemann Maksim ablenken. Doch der flieht so oft er kann aus der Stadt und bereist als Geologe das weite Land. Weit weg von Odessa kommt es auch schon mal vor, daß er seine Frau betrügt, zum Beispiel mit Nadja, die als Kellnerin in einer Kneipe an einer abgelegenen Landstraße arbeitet. Um Maksim in irgendeiner Form nahe zu sein, reist Nadja nach Odessa und tritt ausgerechnet bei Valentina eine Stelle als Haushaltshilfe an.

Kira Muratova winkt lächelnd ab, als der Filmwissenschaftler Sergiy Trymbach eine kurze Ansprache zur Bedeutung ihres Gesamtwerkes hält. »Da wird zu viel hinein interpretiert«, beteuerte sie. Kurze Begegnungen nennt sie lediglich einen »sehr alten Film mit sehr wenig Handlung«. Das mag sein. Doch wenn es darum geht, intensive Gefühle auszudrücken, die in widrigen Umständen gefangen sind, dann kann sich ihr Erstling durchaus mit spektakuläreren Werken anderer Regisseure messen. Maksim durchstreift die Landschaft genauso rast- und treulos, wie ein klassischer Cowboy, Valentina erfreut sich an einem funktionstüchtigen Wasserhahn, wie es sechs Jahre später Thorn in Richard Fleischers Soylent Green tun wird, und Muratova schaut auf dieselben Stufen, wie vor ihr schon Sergej Eisenstein. Sie findet ihre eigene Sichtweise und benutzt die Motive in ihrem Sinne.

Die Regisseurin berichtet, daß sie lediglich die herrschenden Zustände beobachtet habe und die Menschen, die mit ihnen fertig werden mußten. Eine Lösung der Versorgungsprobleme ist nicht in Sicht. Jeder, an den Valentina sich im Namen ihrer ungeduldigen Mieter wendet, versichert, daß bald etwas getan werde, aber nie scheint es in der Macht der Beteiligten zu stehen, auch tatsächlich etwas zu tun. Da Muratova niemanden als Schuldigen darstellt, hatten es selbst die Zensoren schwer, ihr offene Kritik zu unterstellen. Einer der Hauptvorwürfe, denn Vorwürfe mußten im Rußland der 1960er Jahre offenbar trotzdem sein, bestand dann auch darin, daß die Menschen im Film nicht schön und makellos seien, wie es sich im Kino und erst recht für junge wackere Kommunisten im Kino gehöre. »Aber ich habe eben einfach mit Menschen gearbeitet, die ich mochte und die mir sympathisch waren«, erzählt die Regisseurin. Ihre Darsteller haben zerfurchte, verlebte oder einfach nur gewöhnliche Züge, aber das macht sie nicht weniger schön und nicht weniger zeigenswert.

Auch in A Nyomozó (Der Ermittler) des ungarischen Regisseurs Attila Gigor sieht man keine glatten hübschen Gesichter. Tibor, die Hauptfigur, ist keine Schönheit, dazu lakonisch bis zur Schmerzgrenze und ausgesprochen menschenscheu. Er hat viel mit Toten zu tun, das bringt sein Leben so mit sich, als Pathologe untersucht er ungeklärte Todesursachen. Auf einen Toten mehr oder weniger scheint es nicht anzukommen, doch Tibor ist, was diese Frage betrifft, noch unentschieden. Er würde gerne seiner kranken Mutter eine lebensverlängernde Operation im Ausland ermöglichen. Das Geld dafür ließe sich durch einen Mord verdienen, ein zwielichtiger Einäugiger verspricht ihm einen stattlichen Sold, wenn er diskret einen Unbekannten beseitige. Kein Mensch würde Tibor mit dem Mann in Verbindung bringen, der Job scheint absolut sicher. Tibor willigt ein, sticht im entscheidenden Augenblick an die richtige Stelle und nimmt sein Honorar in Empfang. Doch es stellt sich heraus, daß er mit dem frisch Verstorbenen doch eine ganze Menge gemeinsam hatte, und schon am nächsten Tag stören die Kollegen von der Mordkommission den Pathologen bei der Mittagspause. Tibor beginnt nachzuforschen und zeigt einiges Talent, sowohl als Gangster wie auch als Ermittler.

In der Rubrik »Signatur« werden beim beim goEast-Festival Filme versammelt, deren Macher sich bewußt von den verbreiteten Formen und Erzählmustern entfernen. In Der Ermittler leben Regisseur und Crew ihre Lust am Experimentieren und Abschweifen aus. Die Verbrechensrate in Ungarn mag hoch sein, doch Tibor kommt als Pathologe auch häufig zu dem Schluß, daß sein jüngster Gast einfach nur Pech hatte, und solche Verkettungen unglücklicher Umstände werden von Gigor genauso phantasievoll inszeniert wie die Tagträume, mit deren Hilfe der schweigsame Tibor regelmäßig versucht, sich über seine Lage klar zu werden. Mit dem üblichen Spannungsbogen eines Thrillers hat das wenig zu tun. Gigor beherrscht die Muster des Krimigenres und mischt sie trotzdem immer wieder durch skurrile Einzelheiten auf, wie der rosafarbenen Tüte mit dem aufgedruckten Kätzchen, in der der frisch rekrutierte Auftragskiller seine Anzahlung erhält. Fasziniert teilt man den Blick Gigors auf sein Land, in dem vergangene Pracht, Tristesse und vereinzelte Boten einer besseren Zukunft eine ungeahnte Mischung ergeben.

Das goEast-Symposium trug in diesem Jahr den Titel »Winter Adé« und befaßte sich mit älteren Werken, in denen sich der politische Umbruch bereits ankündigt. Selbst in kurzen Trickfilmen aus den 1970er und 80er Jahren ist die Anspannung zu spüren, unter dem die Künstler damals standen. Sie schaffen Situationen, in denen der Druck kaum noch zu ertragen ist. Besonders originell wehren sich die Figuren in Jan Švankmajers Možnosti Dialogu (Möglichkeiten des Dialogs,1982). Sie sind in Anlehnung an Arcimboldo aus Gegenständen zusammengefügt, die ihre jeweiligen Lebensbereiche symbolisieren. Hier kämpfen Brot und Obst gegen Zirkel und Lineale, Dosenöffner und Gabeln gegen Büroklammern und Bleistifte, es herrscht ein genüßliches Zermalmen und Vertilgen. In Balance dagegen (1989) besteht ein fragiles Gleichgewicht, in der schon eine kleine Störung eine unselige Kettenreaktion auslöst. Die Regisseure Christoph und Wolfgang Lauenstein halten die Szenerie düster und das Ende offen. 2009-04-27 12:13

Weitere Artikel

© 2012, Schnitt Online

Sitemap