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goEast 2009

9. Festival des Mittel- und Osteuropäischen Films. D 2009. L: Nadja Rademacher.
Wiesbaden, 22. – 28.4.09
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Die Entdeckung der Langsamkeit

Von Franziska Schuster Zufall oder Tendenz: Fast durchgehend herrscht ein beinahe bedächtiger Tonfall auf den Leinwänden, lange Einstellungen und ruhige Kamerabewegungen dominieren. Auch auf der Tonspur bleibt es ruhig, man läßt sich Zeit für Stille, Musik und Geräusche werden sparsam und bewußt eingesetzt. Bei Filmen dieser Art haben Charaktere und Geschichten viel Zeit, sich zu entwickeln. Dabei wird der Zuschauer zum privilegierten Beobachter, der eine fast intime Beziehung zu den Figuren aufbaut und gleichzeitig auf eigene Faust alle Ecken und Winkel der Erzählung erforschen kann. Die Effekte dieser Verlangsamung sind indes höchst unterschiedlich – und sie funktionieren nicht immer.

Qualvoll und alptraumartig dehnen sich die Sequenzen in Diamanten der Nacht von Jan Němec (Tschechoslowakei 1964): Zwei junge Männer können dem Transport in ein Konzentrationslager entfliehen und schlagen sich tagelang hungernd und halluzinierend durch die Wälder; unerbittliche Bilder in kontrastreichem Schwarzweiß und von bestechender Komposition machen das Leid der Sterbenden fast körperlich spürbar. Auch in René (Tschechische Republik 2008) leidet der Zuschauer mit, doch entwickelt sich im Laufe des bemerkenswert unsentimentalen Dokumentarfilms eine Hochachtung vor der Kompromißlosigkeit des Protagonisten. Dieser verbringt sein Leben mit kurzen Unterbrechungen in Gefängnissen und entwirft im Dialog mit der Regisseurin über Jahre hinweg eine Philosophie der Verweigerung, die nachdenklich stimmt.

Zwei ganz andere Filme ähneln sich in der Art, wie sie ihre Hauptfiguren geradezu zärtlich ins Bild rücken: Das Regiedebüt von Kira Muratova, Kurze Begegnungen (UdSSR 1967) erzählt die Geschichte von zwei Frauen, die denselben Mann lieben; zwischen den gegensätzlichen Charakteren entwickelt sich eine neugierige Freundschaft. Muratovas Inszenierung ist fragil, lichtdurchflutet und poetisch mit dem bittersüßen Nachgeschmack der Tragik.

Liebevoll setzt auch Boris Chlebnikov in Verrückte Rettung (Rußland 2009) seine hinreißend gespielten Hauptfiguren in Szene. Die düstere Grundstimmung wird von der rebellischen Verrücktheit des an Don Quichote gemahnenden Alten aufgehellt, der sich ein seinem absurden Kampf gegen die Unzulänglichkeiten der Welt selbst zugrunderichtet. Leider zerfällt die surreale Erzählung vor allem zum Ende hin, verläuft sich in zunehmend verrätselten Episoden und ist deutlich zu lang. 2009-04-25 11:13

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