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goEast 2009

9. Festival des Mittel- und Osteuropäischen Films. D 2009. L: Nadja Rademacher.
Wiesbaden, 22. – 28.4.09
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Wir Freunde des guten Films

Von Franziska Schuster Erfahrene goEast-Besucher und Festivalneulinge lernt man bereits am Wiesbadener Hauptbahnhof zu unterscheiden: Erstere wählen den direkten Weg, die Unerfahrenen folgen dem Pfeil, der auf dem Transparent gegenüber des Ausgangs deutlich nach rechts weist – nach Osten. Gegen 19:30 Uhr hat sich trotz verwirrender Beschilderung eine ausreichende Menschenmenge im Caligari eingefunden, um der Festivaleröffnung beizuwohnen. Der Rahmen ist festlich, es gibt Blumen, Klaviermusik, Abendgarderobe und mehrere Kamerateams. Doch daß niemand zu seinem Vergnügen hier ist, lernen wir schon in den Begrüßungssätzen, in denen Filminstitutsleiterin Claudia Dillmann nach allen Regeln des Protokolls die Vertreter der diplomatischen Corps aus Kasachstan, der Ukraine und eine Menge anderer wichtiger Gäste willkommen heißt.

goEast, erfahren wir, ist ein »Baustein« auf dem Weg der europäischen Integration, mittel- und osteuropäische Filme zu konsumieren sei »schwer«, aber »notwendig«, um die Annäherung von Ost und West zu fördern. Wieso, fragen wir uns, unterliegt ein Festival, das Filmen ein Forum bietet, die hierzulande im regulären Kinoprogramm noch immer quasi nicht existent sind, einem derartigen Rechtfertigungsdruck? Zumal das diesjährige Programm nach einem ersten Blick in den Katalog mit Wettbewerbsfilmen von Aleksej Balabanov (Morphin) und Boris Chlebnikov (Verrückte Rettung), mit Jerzy Stuhr als Jurypräsident, Kira Muratova und Jan Svěrák in den Sektionen Hommage und Porträt sowie der hochspannenden Retrospektive »Winter adé« durchaus prominent und künstlerisch vielschichtig aufgestellt ist (am Rednerpult geht es übrigens wieder einmal um Dostojewski, der als Casinobesucher und temporärer Bewohner der hessischen Landeshauptstadt den Bezug zu Rußland herstellen und die rhetorische Frage »Warum in Wiesbaden?« beantworten muß).

Wir »Freunde des guten Films« vergessen jetzt jedenfalls für eine Weile die Politik und die Schwierigkeiten der Kreativwirtschaft in »wirtschaftlich angespannten Zeiten« (trotz derer Partner und Förderer das Festival dankenswerter Weise nicht verlassen haben) und gehen ins Kino.
2009-04-23 17:04

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