— — —   DER SCHNITT IST OFFLINE   — — —

Querschritt. Von der Berlinale 2007

08

Vom Sohn zum Mann in zwei Stunden Südstaaten

Von Elena Meilicke Das amerikanische Independent-Kino hat seine eigenen Klischees hervorgebracht, und in den ersten Minuten von »Shotgun Stories« scheint es, als wolle der Film sie alle versammeln: schwarzbebrillte Twentysomethings in zerlöcherten T-Shirts, die vornehmlich nichts tun, weil sie Slacker sind, daneben Mädchen, so zart und sommesprossig wie Sissy Spacek in »Badlands«. Zuletzt von sich reden im Indie-Kosmos machte das, was man vielleicht den David-Gordon-Green-Südstaaten-Lyrizismus nennen könnte, weite Felder und white trash, die Jungs und Mädchen vor der Kulisse eines merkwürdig unberührten Amerikas ohne McDonalds, dafür mit den berühmten tracks und der »wrong side« eben jener. »Shotgun Stories« nun hat von alledem ein bißchen und schafft es am Ende doch, eine völlig eigene Geschichte auf eigene Art zu erzählen.

Es geht um drei Brüder, alle zwischen 20 und 30, richtige Kerle, breitschultrig und ohne große Worte. Doch schon ihre Namen Son, Kid und Boy deuten daraufhin, daß hier gezaudert und gezögert wird mit dem Erwachsenwerden und Verantwortungübernehmen; hier steht niemand seinen Mann. Sons Ehe ist heftig am Kriseln, während Nesthäkchen Kid und der dickliche Boy sich längst eingerichtet haben im permanenten Provisorium: der eine haust in einem Zelt in Sons Garten, der andere wohnt in seinem Van. Es ist Sommer, man sitzt draußen im Freien, trinkt Bier im Garten mit dem vielen Gerümpel oder geht angeln am Fluß; im Gegenlicht der letzten Abendsonne blitzen Spinnennetze und herabsinkende Blütenpollen. Träge und zäh wie Sirup zieht das Leben vorüber. Doch es ist vor allem Boy, der in seiner still-verqueren Eigensinnigkeit der sommerlichen Melancholie immer wieder Momente von exzentrischer Schönheit und persönlichem Frieden abtrotzt, die mit zu den schönsten und heitersten des Films gehören: In der Abenddämmerung schleppt er einen Autositz an den See, verkabelt den Cocktailmixer mit dem Motor seines Vans, und dann springt auch noch im richtigen Moment das unberechenbare Autoradio an, das zu reparieren Boy sich weigert. Bei laufendem Motor und plärrender Rockmusik genießt er das abendliche Idyll.

Das Drama aber nimmt seinen Lauf, hier, wo Ehre noch etwas gilt, und wenige Worte in der allgemeinen Sprachlosigkeit um so lauter hallen. Son, Kid und Boy verfehden sich mit ihren vier Halbbrüdern, Söhnen des Vaters aus dessen zweiter Ehe. Ironischerweise am Gerücht und am Klatsch, dieser wahrscheinlich „weiblichsten“ aller Kommunikationsformen, hangelt sich das männliche Ehrendrama entlang und katapultiert diese ganzen Kerle, die irgendwie doch nicht ganze Kerle sind, in eine Spirale der Gewalt. Doch selbst wenn sie von Mord und Vergeltung erzählen, bleiben die Bilder still und zurückhaltend. Kein blutiges Rot durchbricht das Türkis, Grau-Blau und Grün des Wassers, der Wiesen und Felder. Die Besinnung auf die eigenen Kinder oder die, die man mal haben wird, kann schließlich dem Haß und Morden Einhalt gebieten. Auf daß sie einmal die besseren Väter sein mögen. 1970-01-01 01:00

Weitere Artikel

© 2012, Schnitt Online

Sitemap