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The Woman

USA 2011. R,B: Lucky McKee. B: Jack Ketchum. K: Alex Vendler. S: Zach Passero. M: Sean Spillane. P: Modernciné. D: Angela Bettis, Pollyanna McIntosh, Sean Bridgers, Carlee Baker, Marcia Bennett, Lauren Ashley Carter, Tommy Nelson, Frank Olsen u.a.
99 Min. Capelight ab 9.12.11

Sp: Deutsch, Englisch (DD 5.1). Ut: Deutsch, Englisch. Bf: 1.85:1 anamorph. Ex: Making Of, Behind the Scenes, Kurzfilm Burro Boy von Lucky McKee, Entfallene Szenen, Kinotrailer.

Daddy Knows Beast

Von Asokan Nirmalarajah Sundance 2011. Der amerikanische Filmemacher Lucky McKee, bekannt für sein sonderbares, heute als Kultfilm gehandeltes Solo-Regiedebüt, das beunruhigende wie bewegende Psychodrama May (2002), stellt seinen neuen Kinofilm The Woman vor. Das auf einem zeitgleich publizierten, gleichnamigen Roman des populären Horrorautoren Jack Ketchum basierende Familiendrama verspricht nach dem uninspirierten Fantasy-Horror The Woods (2006) und dem fesselnden Rachethriller Red (2008) die Erwartungen einzulösen, die McKees Debüt aufwarf. Doch als sich der Regisseur im Anschluß an die euphorische Festivalpremiere zum obligatorischen Q&A nach vorne begibt, wirft ihm ein zorniger Zuschauer lauthals vor, einen extrem sexistischen, untragbaren Film gemacht zu haben, den man ob seiner offenkundig misogynen Inszenierung schleunigst konfiszieren und zerstören müsse. Entgegen der nicht enden wollenden Tirade des empörten Mannes gegen den Film (archiviert auf YouTube) ist The Woman, der mit der von Pollyanna McIntosh verkörperten Titelfigur an Andrew van den Houtens Ketchum-Adaption Beutegier (2009) anknüpft, aber eine eigenständige Geschichte erzählt, weder eindeutig misogyn, noch, wie anderswo zu lesen, misandrisch. Die eindringlich inszenierte, clever konstruierte und kraftvoll gespielte Familientragödie ist einfach nur herrlich misanthropisch und bietet sich mit ihrem perfiden Humor als Modellfall für hitzige Gender-Debatten an.

Das Skript von Lucky McKee und Jack Ketchum entwirft ein wunderbar perverses, bedrückendes und unheimliches Universum, in der die nukleare, typisch amerikanische Familie im Zentrum der unfassbar abstoßenden Geschichte all die Vorurteile bestätigt, die man gegen diese prominente Organisationsform gesellschaftlichen Lebens gerne anbringt. Der Vater, grandios widerlich verkörpert von Sean Bridgers, ist ein reaktionärer Anwalt vom Lande mit patriarchalen Allmachtsphantasien, der seine zerbrechliche Frau und seine mißratenen Kinder so liebevoll wie bestimmt anführt. Häusliche Gewalt gegen die Mutter, inzestuöse Übergriffe auf die Tochter und eine strenge, zu Ungunsten der weiblichen Mitglieder installierte Hierarchie in der Familie gehören zum guten Ton. Bevor sich aber im Laufe des Films noch weitere Abgründe innerhalb der nach außen hin perfekten Familie mit geräumigem Familienwagen, großflächigem Grundstück und schmuckem Landhaus auftun, trifft Papi auf die ominöse Titelfigur des Films, die letzte Überlebende einer Kannibalenmeute, die in Beutegier die Familien an der Küste von Maine heimsuchte und verspeiste. Er fängt die Wilde ein und beginnt das Projekt »Zivilisierung des Weiblichen«.

Bevor das Projekt durch eine Verkettung von Ereignissen in einem spektakulär blutigen Finale mündet, in dem es zu einer recht eigenwilligen Form weiblicher Emanzipation kommt, sezieren McKee und Ketchum lustvoll die internen Mechanismen einer nuklearen Familie und der gesellschaftlichen Räume, in denen sie als Repräsentant eines normalen, zivilisierten Lebens auftreten. Zu dieser Normalität gehört es jedoch auch, die abjekte Frau gegen ihren Willen in den Familienkeller zu sperren und mit Brot und Peitsche an die phallokratischen Gesetze der symbolischen Ordnung zu gewöhnen. Eine Parallele zwischen der Domestizierung der Fremden und der bereits häuslich gefangenen Frauen in der Familie zu ziehen ist dabei ein leichtes. Julia Kristeva läßt also lieb grüßen und wir der ersten Seminararbeiten harren, die ihre Theorie des Abjekten in Bezug auf McKees genialer Sozialsatire zitieren werden, die sämtliche Agenten patriarchaler Willkür angreift, von männlichen Tätern bis weiblichen Mittätern.

Die ungekürzte DVD-Ausgabe des Films aus dem Hause Capelight Pictures begeistert mit einem detaillierten, aber nicht zu lang geraten Making of, das durch sämtliche Produktionsstadien führt. Als weitere Zugaben sind Aufnahmen vom Dreh, ein paar entfallene Szenen, ein kurzer Blick hinter die Kulissen und der überaus schräge Kurzfilm Burro Boy zu sehen. 2012-05-09 09:27

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