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Vierzig Gewehre

Forty Guns. USA 1957. R,B: Samuel Fuller. K: Joseph F. Biroc. S: Gene Fowler Jr. M: Harry Sukman. P: Globe, 20th Century Fox. D: Barbara Stanwyck, Barry Sullivan, Dean Jagger, John Ericson, Gene Barry, Robert Dix, Jack Carroll, Gerald Milton u.a.
77 Min. EuroVideo ab 12.1.12

Sp: Deutsch, Englisch (DD 2.0). Ut: keine. Bf: 2.35:1 anamorph. Ex: Trailer.

Grundlose Schönheit

Von Michael Wedel Wenige Western fangen schöner an. Über einer Kutsche, die in Panoramatotalansicht ein einsames Tal durchquert, zieht von links ein mächtiger Wolkenschatten heran. Stille. Die Kutsche hält abrupt, der Kutscher lauscht in die Ferne. Schnitt auf eine rasende Kaskade galoppierender Pferdebeine, eine dröhnende Geräuschkulisse baut sich auf. Indianerangriff? Raubüberfall? Angeführt von der Rancherin Jessica Drummond – Barbara Stanwyck auf ihrem hellstrahlenden Schimmel – rauschen die »Forty Guns« des Titels auf 40 pechschwarzen Pferden frontal der Kutsche entgegen und – an ihr vorbei. Die Kutsche, in der sich die drei Bonnell-Brüder befinden, Federal Marshalls auf der Suche nach einem der 40 Handlanger der Rancherin, die nicht nur auf dem Pferderücken die Zügel fest in den Händen hält, sondern auch sonst in der Gegend alle Strippen zieht, bleibt im meterhoch aufgewirbelten Staub zurück. Die Wolke am Himmel, die eben noch ihren bedrohlich dunklen Schatten ins Bild geworfen hatte, ist nun selbst auf die Erde gestürzt. So – ohne Worte, in eindrucksvollen und beredten Bildern – installiert man mythische Subtexte.

Kein Western kommt ohne sie aus. Doch Sam Fullers neben Hölle der tausend Martern aus demselben Jahr wohl gewichtigster Beitrag zu diesem Genre kommt 1957 zu spät, um noch klassische Maßstäbe zu setzen. Dem Film geht es sichtlich um etwas ganz anderes: In Bildern, die gerahmt in jedem Museum eine gute Figur machen würden, kippt er das Genre so, daß sein mythischer Gehalt in kristalliner Form an der Oberfläche sichtbar wird. Die gewohnten Konflikt- und Spannungsformationen des Western bieten hier lediglich noch den Anlaß für ein brillantes Spiel mit frappanten Regieeinfällen, wie in Stein gemeißelten Sentenzen (»I’ve never kissed a gunsmith before«) und symbolträchtigen Bildkompositionen. Sie lassen oft bereits erahnen, was als nächstes passieren wird, weil der Film weiß, daß wir es ja eh schon wissen und unsere Lust eben darin liegt, zu sehen, wie es passiert, um glauben zu können, wir wüßten darum auch schon, warum geschieht, was geschehen muß.

Die Geschichte von der schönen und mächtigen Rancherin, der »high riding woman with a whip«, auf deren Gehaltsliste vom Sheriff bis zum Bürgermeister alle stehen, die eigentlich was zu sagen hätten, und dem Federal Marshall, dem sie am Ende willig verfällt, erzählt Fuller als Begegnung zweier spiegelsymmetrischer Archetypen des Genres, die ihr Gefecht von Gut und Böse so perfekt beherrschen, weil sie ihre Rollen längst erkannt und ihrer müde geworden sind. Wir sehen Barbara Stanwyck als Jessica Drummond und Barry Sullivan als Griff Bonnell bei einem Totentanz der Abstoßung und Annäherung zu, der von umso berückender Konsequenz und Schönheit ist, gerade weil er es nicht mehr nötig hat, dramaturgisch und figurenpsychologisch plausibel zu erscheinen.

Unvergleichbar das lakonische Ende, das Fuller für seinen Film gefunden hat: Bonnell fährt in seiner Kutsche aus der Stadt fort, in der er seine beiden Brüder, den einen tot, den anderen lebendig, zurückläßt. Die einst so mächtige Rancherin läuft ihm zu Fuß die Hauptstraße entlang hinterher. Im fernen Hintergrund der Einstellung erreicht sie seine Kutsche, steigt zu, und beide verschwinden in der Tiefe des Bildes. Kein Ransprung der Kamera, um den obligatorischen Kuß einzufangen oder zumindest das Paar noch einmal von vorn zu zeigen, wie es einer ungewissen Zukunft gemeinsam entgegenblickt. Stattdessen ist vor Stanwyck eine junge Stute diagonal die Hauptstraße hinab der sich entfernenden Kutsche hinterher und an ihr vorübergeprescht. Überraschend, spektakulär, ohne ersichtlichen Grund...

Die hohe Qualität der Abtastung und ein verlustfreier Transfer des Cinemascope-Formats bringen die Brillanz des Films wunderbar zur Geltung. Schade nur, daß in puncto Bonusmaterial, das außer dem Filmtrailer nichts zu bieten hat, Fuller auch auf DVD weiterhin lediglich B-Status zukommt. Bedauerlich auch, daß zwar die Originalversion und die deutsche Synchronfassung angeboten werden, aber keine Untertitel zuwählbar sind. Vielleicht ist dieser eher unübliche Verzicht ja als Respektbezeugung vor der schieren Schönheit der Bilder zu verstehen, die nicht durch Schrifteinblendungen beeinträchtigt werden soll. Auch wenn das wohl kaum der Grund gewesen sein dürfte: Verdient hätte Fullers Vierzig Gewehre diesen Respekt allemal. 2012-03-14 09:08

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