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Outrage

Autoreiji. J 2010. R,B,D,S: Takeshi Kitano. K: Katsumi Yanagishima, Hitoshi Takaya. S: Yoshinori Ota. M: Keiichi Suzuki. P: Bandai Visual Company, Office Kitano, Omnibus Japan, TV Tokyo u.a. D: Kippei Shiina, Ryo Kase, Tomokazu Miura, Jun Kunimura, Tetta Sugimoto, Takashi Tsukamoto, Yuka Itaya, Hideo Nakano u.a.
109 Min. Capelight ab 26.8.11

Sp: Deutsch, Japanisch (DD 5.1, DTS HD 5.1). Ut: Deutsch. Bf: 2.35:1 anamorph, HD 1080p. Ex: Behind the Scenes, Dokumentation Young Yakuza, 24-seitiges Booklet.

Die Essenz des Sinnlosen

Von Maxi Braun Was Leibniz als letzter Universalgelehrter für die Geistesgeschichte war, ist Takeshi Kitano für die Welt des japanischen Entertainments. Poet, Maler, Komiker, Spielshow-Moderator, Stepptänzer – Ingredienzien, die perfekt mit der bonbonbunten Rohmasse der japanischen Popkultur zu verschmelzen scheinen. Dies trifft für den Schauspieler und Regisseur Kitano aber nur bedingt zu. Berüchtigt für seine stoische Mimik orchestrierte er um seine epochalen Schwertkämpfe und Schießereien bisher eine visuelle Poetik und elegante Dynamik, die für uns auf westliche Sehgewohnheiten Konditionierte wohltuend rein und schwerelos wirkte. Nun kehrt er mit Outrage einmal mehr in die Unterwelt Tokios zurück.

Ein hoffnungsloses Unterfangen, an dieser Stelle all die Ikemotos, Otomos und Ishiharades des umfangreichen Figurenkanons auseinander zu pflücken, am Ende werden ohnehin fast alle tot sein. Selbst Beat Takeshi – wie Kitano auch genannt wird – scheint laut einem Interview auf der mit den üblichen Extras gespickten Sammleredition als Strippenzieher des umfangreichen Ensembles bisweilen den Überblick verloren zu haben. Vielleicht ist es noch nicht einmal von Bedeutung, daß eine kleine Maßregel des Yakuzabezirksbosses Kaicho das Perpetuum mobile reziproker Vergeltungsschläge überhaupt erst in Gang setzt. Dieses verdient indes die Bezeichnung Gewaltorgie nicht. Denn eine Orgie, denkt man über die zeitgenössische Bedeutung des banalen Gang bang hinaus, assoziiert man etymologisch auch mit einer das Maß überschreitenden, dionysischen Sinnlichkeit. In Outrage, wo das Mißverständnis schon beim Titel beginnt, entfällt dieses Schwelgen in der puren Ästhetik der Gewalt. Die nicht enden wollende Spirale von Morden erinnert vielmehr an Alan Clarkes Elephant, in dem die entlang fließender Grenzen agierenden Opfer und Täter ebenso anonym bleiben. Wo Clarkes Repetition die Sinnlosigkeit des Nordirland-Konflikts offenbarte und unerträglich machte, bleibt bei Outrage nur die Essenz des Sinnlosen und ein Desinteresse am Schicksal jeder einzelnen Figur. Im umfangreichen Booklet bemerkt der Regisseur hierzu lakonisch, daß die Inszenierung von filmischer Gewalt mit der Zubereitung eines panierten Schweineschnitzels vergleichbar und pure Routine sei, was den faden Beigeschmack beim Zusehen erklären könnte.

Einige schön anzuschauende Abgänge gönnt uns Kitano dennoch, beispielsweise wenn wir einen klassisch im Yakuza-Stil tätowierten Körper beim Ausbluten in den Gully einer Saunadusche betrachten. Durchaus pittoresk. Ansonsten wird alles sehr geschäftsmäßig erledigt, und wo in westlichen Genrefilmen noch der härteste Mafiosi im Angesicht des Todes den Wert des Lebens ahnt, kann bei Kitano ein präziser Kopfschuß vor derlei Gefühlsdusselei schützen. New York ist eben nicht Tokio. Apropos Tokio: Mit der Verortung des Bandenkriegs könnte eine der größten Überraschungen bereits verdorben sein. Keiner der Schauplätze läßt erahnen, wo die Yakuza von Outrage angesiedelt ist. Graue Büroräume, eine karge Bar mit häßlichen Huren oder das glanzlose, illegale Casino in einer afrikanischen Botschaftskaschemme dominieren die Mise en Scène. Der irrlichternde Wahnsinn der grellen Metropole bleibt verborgen und die Straßenzüge, über die sich die schwarzen Chromkarossen der Bosse schieben, verströmen die Romantik der A3. Die visuelle Opulenz, den verspielten Humor oder gar die ironischen Brechungen, wie sie noch Hana-bi, Dolls oder Zatoichi schmückten, vermag man in Outrage nicht zu finden.

Was bleibt abzüglich der tristen Kulisse und der Gleichgültigkeit den Charakteren gegenüber? Outrage beschreibt einen doppelten Aderlaß, sowohl in der Diegese als auch bezüglich des japanischen Gangsterfilms als Genre. Der gänzliche Mangel an Pathos und Heroisierung der japanischen Mafia portraitiert eine veraltete Schicht der Unterwelt, deren Leben einst aus rauschenden Festen mit Nutten und Koks bestanden haben mag, sich im 21. Jahrhundert aber den humorlosen Regeln des Kapitalismus unterzuordnen hat. Wenn man den Pressemeldungen glauben schenken darf, leidet die Yakuza tatsächlich unter Nachwuchsmangel und Outrage wäre ein denkbar ungeeigneter Rekrutierungsfilm, da er jegliche Glorifizierung vermeidet. Im Yakuza-Kosmos des Films selbst wirkt die heilsame Amputation von Personal und traditionellen Ritualen wie eine Frischzellenkur für die anachronistischen Strukturen des Syndikats. Besonders deutlich wird dies in der Szene, als der Boss auf den hübsch als Geschenk verpackten, abgehackten Finger als Geste der absoluten Unterwerfung lakonisch erwidert, daß dies eine veraltete und daher unnötige Sitte sei. Auch Yakuza müssen mit der Zeit gehen. Nach einer hinterfotzigen Volte im Finale führt der vorläufig neue Boss Kato (Outrage 2 ist bereits abgedreht) das entschlackte Unternehmen an die Börse. Denkt man angesichts der globalen Finanzkrise über diese Pointe genauer nach, hat Takeshi Kitano mit Outrage vielleicht doch ungleich mehr Humor bewiesen als eingangs vermutet.

Einen kleinen Trost bietet die drei Discs umfassende Sammleredition. Neben der Wahl zwischen DVD und Blu-ray wird uns die japanische Originalfassung gegönnt. Denn die deutsche Synchronisation läßt vermuten, daß der japanische Slang über kein originelleres Schimpfwort als Arschloch verfügt. Außerdem liefert sie uns mit dem beigelegten Kitano-Klassiker Das Meer war ruhig (1991) noch eine kleine Entschädigung und einen wirklich guten Film des japanischen Allrounders. 2011-12-06 15:04

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