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Jigoku – Das Tor zur Hölle

Jigoku. J 1960. R,B: Nobuo Nakagawa. B: Ichirô Miyagawa. K: Mamoru Morita. S: Toshio Gotô. M: Michiaki Watanabe. P: Shintoho Film Distribution Committee. D: Shigeru Amachi, Utako Mitsuya, Yôichi Numata, Hiroshi Hayashi u.a.
98 Min. Rapid Eye Movies ab 15.7.11

Sp: Japanisch (DD 2.0 Mono). Ut: Deutsch. Bf: 2.35:1 anamorph. Ex: Trailer.

Flammendes Inferno

Von Daniel Bickermann Alles beginnt mit einem absurden JamesBond-Vorspann mit halbnackten Frauen, der erst mit Bongomusik unterlegt wird und dann in grotesken Schreien und Maschinengewehrfeuer untergeht. Willkommen im Japan der 1960er Jahre, als eine der eigenwilligsten Filmkulturen mit Werken von Teshigahara, Fukasaku oder Oshima auf die idiosynkratische Spur gelenkt wurde. Der Prototyp dieser ikonoklastischen Bild- und Schnittsprache, Nakagawas Jigoku, liegt dank den Liebhabern vom REM-Label jetzt auch hierzulande auf DVD vor.

Dabei benötigt man nach der kurzen Vorschau auf den surrealen Farbtraum und die assoziative Körper- und Raummontage, die Nakagawa uns vorab anteasert, in der ersten Stunde einiges an Geduld: Die Geschichte um den Theologiestudenten Shiro, der vom mephistophelischen Tamura in einen Unfall mit Fahrerflucht verwickelt wird und anschließend zusehen muß, wie sich in seinem Umfeld absurde Todesfälle häufen, vermag eigentlich nur auf der filmischen Ebene zu fesseln: desorientierende Schockschnitte, assoziative Szenenübergänge und haarsträubende Lichtwechsel geben das Gefühl einer subjektiven Erinnerung. Die finstere Parabel hat brillante Anklänge an »Faust«, an Lost Highway oder Vertigo, ist aber streckenweise auch elegisch bis redundant.

Erst nach einem orgiastischen Massensterben ausgerechnet bei einem Altersheimjubiläum wird klar, warum dieser Horrorklassiker so einflußreich war: Während die erste Filmstunde den Shinto- Japanern das Konzept der Hölle anhand des importierten Buddhismus erklären mußte, kann die zweite nun endlich zeigen statt reden. Es folgt eine infernalische Höllenorgie aus lebendig zerkochtem Fleisch, zersägten Leibern, Flüssen von Eiter und Seen aus brodelndem Blut. Hieronymus Bosch wäre stolz gewesen. Selbst hier lauern wieder Soap-Opera-Momente, während alle Beteiligten sich wiedersehen und ihre Lebenslügen aufarbeiten – aber erst in Kombination mit abgehackten Gliedmaßen und herausgerissenen Gedärmen ergeben solche pathosgeladenen Ibsen-Psychologismen jene distinkte Mischung aus Kitsch und Gore, aus Absurdität und Tragik, aus Irrsinn und Wahrheit, für die das japanische Kino noch immer berühmt und berüchtigt ist. 2011-11-24 09:15

Abdruck

Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #63.

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