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Kleinstheim

D 2010. R,B,K: Stefan Kolbe. R,B,S: Chris Wright. P: Wright Kolbe Film, Blinker Filmproduktion.
87 Min. Wright Kolbe Film

Die Hoffnung, die alles zusammenhält

Von Christian Lailach Sachsen-Anhalt, Magdeburger Börde. Kinder, Jugendliche, eine überschaubare Zahl. Eine Burg. Dort leben sie, sie und ihre Erzieher. Ein Heim, soziale Problemfälle irgendwo zwischen Perspektivlosigkeit und ständigem Aufbruch. Nun gut, du brauchst schon ein wenig Affinität für das Sujet, nicht für das des Heims, vielmehr für das des Dokumentars. Doch sie, sie sitzen vor der Kamera, hin und wieder lustlos, latent aggressiv, teils scheinen sie sich für ihre Geschichte zu schämen, auf die sie selbst meist den geringsten Einfluß hatten. Sie träumen, hoffen, glauben an eine Zukunft, die irgendwo in der Vergangenheit noch einmal neu beginnen müßte. Das weißt du, ahnst es zumindest, du der Betrachter, ein Außenstehender, der den Jugendlichen folgt, etwa ein Jahr, ohne nennenswerte Höhen, Tiefen.

Die »Fallhöhe« mag auch hier das neue Zauberwort der Fördergremien gewesen sein. Ein, zwei Schicksale oder ganz konkrete Geschichten, die sich immer weiter zuspitzen und dann wie Seifenblasen zerplatzen. Doch eine Kerngeschichte, ein herausgestelltes Drama, zielt auf die Identifikationskraft mit einem der Jungs oder Mädchen. Könntest du Sarah besser verstehen, wenn du mehr Details über sie und ihren Vater wüßtest, die am Ende des Projekts – wie zufällig – wieder regen Kontakt miteinander pflegten? Spannungsbögen, Fallhöhen, formatierter, leicht zu konsumierender Fernsehstoff. Wright und Kolbe machen genau den also nicht, auch wenn sie damit womöglich von vornherein Förderungen ausschlagen und letztlich gezwungen sind, ihren Film nach wenigen Wochen in den Kinos auf DVD zu pressen und im Selbstvertrieb zu bewerben und herauszubringen.

Nein, Wright und Kolbe gehen hin, portraitieren Sarah, Kai, Moni, Kevin, Nancy und Peggy. Die einen mit kleineren, die anderen mit größeren, meist alltäglichen Problemen. Kleinstheim gelingt die Gratwanderung, stellt das Wachsen in einer entscheidenden Lebensphase mit einer feinfühligen Mischung aus Distanz und Nähe dar, ohne je seine Protagonisten bloßzustellen. Sie alle sind vor der Kamera gleich – und damit eins. Klar, du bist dabei. Du hörst zu. Warum dann so tun, als stündest du daneben? Letztlich bleibt auch dir nur die Hoffnung, die alles zusammenhält. 2011-11-22 09:05

Info

zu bestellen unter wright-kolbe-film.de

Abdruck

Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #63.
© 2012, Schnitt Online

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