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Perrak

D 1970. R: Alfred Vohrer. B: Manfred Purzer. K: Ernst W. Kalinke. S: Jutta Hering. M: Rolf Kühn. P: Roxy Film. D: Horst Tappert, Erika Pluhar, Judy Winter, Werner Peters, Walter Richter, Jochen Busse, Hubert Suschka, Arthur Brauss u.a.
88 Min. Pidax ab 5.8.11

Sp: Deutsch. Ut: keine. Bf: 1.66:1 anamorph. Ex: Begleitheft mit Pressetexten

Stephan Derricks böser Zwilling

Von Carsten Tritt Bereits die Edgar-Wallace-Reihe läßt sich recht deutlich aufteilen in die braveren Regiearbeiten des Harald Reinl und die immer wieder von anarchischen Extravaganzen durchsetzten Filme Vohrers, denen die Krimihandlung oft nur als loser Zusammenhalt diente, und in denen Stripperinnen im Irrenhaus auftraten, zum Öffnen von Geheimgängen ein Penny eingeworfen werden mußte, Kaninchen durch Hotels getragen wurden und es Unterwasseraufnahmen von Männern im Gorillakostüm gab (mit Fischen). Wenn ein Produzent Vohrer Freiraum gab, mußte er mit allem rechnen, und nicht selten gab der Erfolg Vohrer recht: Seine Wallace-Filme waren die erfolgreichsten, und haben auch aus heutiger Sicht die Zeit am besten überstanden.

Mit dem Abflauen der Wallace-Reihe wechselte Vohrer zu Luggi Waldleitners Roxy Film, wo er neben einigen Simmel-Filmen auch den Krimi Perrak drehte. Waldleitner hätte wissen können, daß es für Vohrer kein Halten geben würde, als er ihm einen Film gab, der im Hamburger Rotlichtmilieu spielen sollte – aber vermutlich war Waldleitner das auch ganz recht. Die St. Pauli Filme von Rolf Olsen und Jürgen Roland hatten sich schließlich bereits als zugkräftig erwiesen.

Tappert, den Vohrer schon bei den späteren Wallace-Filmen eingesetzt hatte, fungierte als Titelheld. Tapperts Kommissar mag dabei eine nicht zu leugnende Ähnlichkeit zu dem vom selben Schauspieler verkörperten Derrick haben, und sich der gleichen Gestik und Mimik wie der Münchener Oberinspektor bedienen. Die Gangart ist jedoch deutlich härter, und im Gegensatz zum Fels in der Brandung, als den man Tapperts Figur hätte anlegen können, kann sein Kommissar Perrak auch zurückschlagen.

Bereits in der Pre-Credit-Sequenz, in welcher ein Mercedesfahrer den französischen Kleinwagen von Perraks Sohn noch ein wenig kleiner macht, lautet seine Analyse: »Für Leute wie Sie mach’ ich noch nicht mal den Hosenlatz auf.« Der Rat des alleinerziehenden Vaters an seinen Sohn folgt dementsprechend: »Tritt ihm in den Arsch. Ich erlaub’s dir, Joschi.«

Der Vorspann führt uns auf eine Abfallhalde, die Einblendung des Namen des Regisseurs selbst erfolgt über Bilder eines Gülleablasses. Weil Perrrak die zwischen dem Müll gefundene vermeintliche Damenleiche sogleich als Toni, den Transvestiten mit dem schönsten Paraffinbusen Nordeuropas identifiziert, ist die Mordkommission dankbar, die Ermittlungen auf den Kommissar aus dem Sittendezernat abschieben zu können.

Als Querdenker und sicher auch aufgrund seiner eigenen Homosexualität macht der Regisseur aus der Ära von Papas Kino eigentlich das, was sich der Neue Deutsche Film vorgenommen hatte, und nimmt die bigotte Moral der gar nicht mal mehr ganz so jungen Bundesrepublik auseinander. Sein Beschäftigungsfeld um Pornographie, Beischlafdiebstahl und Exhibitionismus ist dem Titelcharakter gleichgültig. Hier geht es ihm nur darum, grundsätzlich Ruhe in sein Revier einzubringen, zumal Perrak schon mit den ständig wechselnden Damenbekanntschaften seines Sohnes überfordert ist. Und die gutbürgerliche Welt, in die die Spur aus Mord, Erpressung, Rassismus und Kinderprostitution führt, entpuppt sich schließlich als das wahre Übel. In der Rückblende am Schluß sehen wir, wie Walter Spahrbier, der Glückspostbote von Peter Frankenfeld und Wim Thoelke, sein Telegramm übergibt, während ein Raum weiter in dem gepflegten, ordentlichen Haus die Katastrophe ihren brutalen Anfang nimmt.

Perrak lief ursprünglich mit einer Freigabe ab 18 Jahren in den Kinos und wurde dieses Jahr anläßlich der DVD Ausgabe von der FSK heruntergestuft auf »ab 16«. Dies bedeutet nicht, daß die Bilder, die Vohrer findet, nicht auch heute noch wirken – vor allem seine Visualisierung eines Rassismus, in welchem ein Schrotthändler den von ihm »Bimbo« genannten Schwarzen mit schwarz-rot-gelbem Lack übergießt, wirkt auch heute noch als eindeutige Absage an jede Art von Deutschtümelei.

Aus Vohrers Ensemble sticht neben dem späteren Tatort-Kommissar Walter Richter vor allem Judy Winter hervor in ihrer Rolle als Bordellmutter ›Trompeten-Emma‹ – wie der von Richter gespielte Clochard eine Figur, die letztlich den Härten des Milieus nicht gewachsen sein wird. Zudem beweist Jochen Busse erneut hervorragendes Talent als Darsteller schmieriger Gestalten – bereits im Vorjahr hatte er in Hofbauers Die jungen Tiger von Hongkong mit einem ähnlichen Charakter einen unvergeßlichen Auftritt.

Die DVD kommt außer mit einem kleinen achtseitigen Heftchen ohne Extras, was nicht stört, da der Film selbst ausreichend klare Worte findet. Erfreulich ist das korrekte Bildformat von 1,66:1 (16:9 mit leichtem Letterboxing an den Seiten). Das Bild ist ordentlich und zum Glück nicht überrestauriert. Ein paar Farbschwankungen sind vorhanden. Da Waldleitner bei seinen Kinokopien allerdings gerne gespart hat, und die überlebenden 35mm-Kopien des Films soweit bekannt allesamt deutlich rotstichig sind, ist es eine Freude, den Film überhaupt noch einmal in so guter Qualität zu Gesicht zu bekommen. 2011-08-29 09:11

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