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Geheimsache Ghettofilm

Shtikat haarchion. IL/D 2009. R,B: Yael Hersonski. K: Itai Ne'eman. S: Joelle Alexis. M: Yishai Adar. P: Tangram Christian Bauer Filmproduktion, Belfilms Ltd.
89 Min. absolut Medien ab 27.5.11

Sp: Deutsch, Englisch (DD 2.0). Ut: keine. Bf: 1.33:1. Ex: keine.

Stumme Schatten

Von Andreas Strasser Legion sind heute all die Filme, die den Völkermord an den europäischen Juden durch das nationalsozialistische Deutschland behandeln. Und der (hierzulande spärlich geführte) Diskurs, der die Kinematographie des Holocaust umkreist, rührt meist an dieselbe Frage: Läßt sich die widerfahrene Pein überhaupt filmisch zeigen? Es geht, mit einem Wort, um die bildethischen Prinzipien der Darstellung. Und an dieser Frage scheiden sich die Geister. Der französische Regisseur Claude Lanzmann in etwa, der in seinem neunstündigen Meisterstück Shoa kein einziges, archivarisches Bild des Holocaust verwandte, war und ist davon überzeugt, daß es diese Bilder überhaupt nicht gibt. Und das aus gutem Grund: sie wurden beinahe alle (mit Ausnahme der später produzierten Aufnahmen der Alliierten) durch das NS-Regime angefertigt.

Yael Hersonskis nahezu vollständig aus Archivmaterial konstruierter Dokumentarfilm Geheimsache Ghettofilm geht nun, so kann man es sehen, Lanzmanns Prämisse vom «Nichtvorhandensein« dieser Bilder auf den Grund. Ihr Film erzählt die Geschichte eines nationalsozialistischen Propagandafilms über das Warschauer Ghetto, der im Frühjahr 1942 gedreht, jedoch nie fertiggestellt wurde. Der Rohschnitt gelang im Nachhinein in ein DDR-Archiv und wurde später in das Bundesarchiv überführt. Geheimsache Ghettofilm zeigt nun die Entstehung dieses schlicht als »Ghetto« betitelten Films, indem er sein Material mit den überlieferten Quellen der Ghettobewohner abgleicht. So konfrontiert Hersonski den Propagandafilm beispielsweise mit Auszügen aus den Tagebüchern des »Judenrat«-Vorsitzenden Adam Czerniaków, der die Filmaufnahmen heimlich protokollierte, oder mit Aufzeichnungen des von Emanuel Ringelblum aufgebauten Untergrundarchivs »Oneg Shabbat«.

Die besondere Leistung des Dokumentarfilms besteht jedoch in der Aufbereitung zweier Filmrollen, die erst 1998 gefunden wurden und die die Outtakes des Propagandafilms enthalten. Der neue Kontext kehrt in Folge den ideologischen Impetus des Films hervor. Zu sehen sind beispielsweise die Bemühungen des Filmteams, eine möglichst wirkungsvolle, sprich verklärende Kameraperspektive zu finden. Zur Teilnahme an den vielen Szenen, die den vermeintlich unbesorgten Alltag im Ghetto darstellen, wurden jüdische Gefangene gezwungen. Die Bevölkerung des Warschauer Ghettos sollte in Verruf gebracht, »der jüdische Volkscharakter« gebrandmarkt werden. Hersonski eröffnet mit ihrer Arbeit die interessante Frage, was die Bilder wirklich zeigen und was sie nicht zeigen. Nachdem »Ghetto« bis in die heutige Zeit als wahrhaftig historisches Dokument behandelt wurde, fordert Geheimsache Ghettofilm den Zuschauer auf, seine Beziehung zu diesen Bildern (in einem weiteren Sinne aber auch zu dokumentarischem Material per se) neu zu bewerten.

Was ist schlußendlich aus den vielen Menschen, die in dem NS-Film dargestellt werden, geworden? Im Juli 1942 begann die »Große Aussiedlung« der Warschauer Juden in das Vernichtungslager Treblinka. Dort wurden die meisten von ihnen ermordet. Nun ist alles, was von ihnen bleibt, so der Film, die Erinnerung und ihre »stummen Schatten auf einem Streifen Zelluloid«. Bilder können nur die Hölle zeigen, heißt es bei Susan Sontag, nicht aber den Weg hinaus. Dazu bedarf es nämlich eines Kontextes – oder eines Dokumentarfilms wie Geheimsache Ghettofilm. 2011-08-19 10:48

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