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Theo Lingen Edition

Sieben Jahre Pech (D 1940), Um eine Nasenlänge (D 1949), Wiener Blut (D/A 1942).
285 Min. Kinowelt ab 9.6.11

Sp: Deutsch (DD 1.0). Ut: Keine. Bf: 1.33:1. Ex: Biographien, Fotogalerien, Trailer.

Wiener Blut mit Limonade

Von Michael Wedel Daß der Name Theo Lingen heute vor allem älteren Zeitgenossen noch ein Begriff ist, ist bei der schmalen Edition von drei Filmen, die Kinowelt dem Komiker widmet und im Intro als Filmgenuß für die »goldenen Jahre des Lebens« vorstellt, von vornherein einkalkuliert. Die farblich in Gold- und Ockertönen gehaltene Aufmachung der Box erinnert dementsprechend an Tapeten- und Tischdeckenmuster, wie sie zwischen 1930 und 1960 en vogue gewesen sein mögen. Appelliert wird damit an nostalgische Gefühle der Rückbesinnung auf eine »gute alte Zeit« der Filmkomödie, zu der man sich als Komiker mit einem gewissen Rest von sprachlicher Finesse und mimischer Distinguiertheit zwischen Klamotte und Klamauk bewegen konnte.

Tatsächlich steht im deutschsprachigen Zusammenhang kein zweiter Name ähnlich exemplarisch für dieses historische Idiom der Filmunterhaltung wie der von Theo Lingen, den der Kritiker Herbert Ihering einmal als »größten Techniker der Komik in Deutschland« bezeichnet hat. Ob zu Recht oder zu Unrecht, sei einmal dahingestellt, insbesondere seit Rolf Aurich und Wolfgang Jacobsen in ihrer Biographie »Theo Lingen. Das Spiel mit der Maske« (2008) noch einmal mit Nachdruck darauf hingewiesen haben, daß die Ursprünge der Lingenschen Schauspielkunst auf expressionistische und sogar biomechanische Einflüsse zurückzuführen sind, er noch in den 1930er Jahren als einer der wenigen Schauspieler von Brechts Gnaden galt. Die Maske der stets näselnden und wild gestikulierenden »livrierten Bohnenstange« habe sich Lingen im Film wie auf der Bühne nur vorgehalten, um eine intellektuell und künstlerisch weitaus komplexere Persönlichkeit dahinter zu verbergen.

Von Ilja Richter wird an gleicher Stelle überliefert, daß Lingen im Rückblick auf seine Filmkarriere, die ausgerechnet in den Kriegsjahren 1939 bis 1945 ihren Höhepunkt erreichte, zwischen anspruchsvolleren Filmprojekten und jenen von ihm als »Limonadenfilme« titulierten Fließband-Produktionen unterschieden hat, in denen er seine unnachahmliche Art der grazilen Servilität, grotesken Körperakrobatik und interpunktionslosen Intonation lediglich noch als Masche nach Belieben abzurufen hatte. Mindestens zwei der drei in der Box enthaltenen Filme fallen unter diese zweite Kategorie. Sieben Jahre Pech, 1941 von Ernst Marischka für die Wiener Styra-Film inszeniert, ist eine Verwechslungskomödie um einen abergläubischen Schriftsteller (Wolf Albach-Retty), der vom Unglück verfolgt zu sein glaubt, seitdem ihm vor knapp sieben Jahren einmal ein Spiegel zu Bruch gegangen ist. Lingen spielt dessen Diener Paul, der sich, einem beliebten Genremuster folgend, gegenüber einer jungen Frau als sein eigener Chef ausgibt, was zu Irrungen und Wirrungen mit fast fatalem Ausgang führt. Der eigentliche Reiz des Films liegt jedoch abseits seines vorhersehbaren narrativen Strickmusters in den Begegnungen zwischen Lingen und Hans Moser, der hier in der Rolle eines von seiner Frau untergebutterten Tierarztes zu sehen ist, Vater der vom Schriftsteller Geliebten, bei dem sich dessen Diener Paul zeitweise zur besseren Überwachung der jungen Frau als Diener verdingt. Aurich und Jacobsen, die im Titel des Films einen politischen Subtext entdecken (von 1940 aus zurückgerechnet hätten die sieben Jahre Pech 1933 begonnen), halten seine Lingen-Moser-Szenen für Höhepunkte der gemeinsamen Leinwandauftritte des Komikerpaars. Ein gewisser Charme ist ihnen in der Tat nicht abzusprechen, obwohl Lingen Gefahr läuft, von Mosers urtümlichem Wienertum ein ums andere Mal an die Wand gespielt zu werden. Die komische Klimax bildet am Ende allerdings eine Spiegelszene ohne Spiegel, in der Lingen, ein Kabinettstück seines Könnens gebend, die Bewegungen Albach-Rettys in Echtzeit kopiert. Wer hier gleich an das berühmte Pedant der Marx Brothers aus Duck Soup (1933) denkt, übersieht, daß dergleichen schon lange in Varieté und Kabarett zum Standard-Repertoire gehörte, Lingen selbst ähnliches auf der Bühne bereits Anfang der 1930er Jahre gemacht hat.

Um eine Nasenlänge (1949), ein Remake des gleichnamigen Tonfilms von 1931, in dem der bereits zu jener Zeit antisemitischen Nachstellungen ausgesetzte und früh emigrierte Siegfried Arno die Rolle des nun von Lingen gegebenen Zeitungsausfahrers Felix Rabe verkörpert hatte, spielt das Muster der Verwechslungskomödie über die Bande eines Sportfilms im Milieu des Berliner Sechstage-Rennens. Diesmal gibt sich Lingen zeitweise als Rabes Jugendfreund und Radfahr-Star Willy Lohmeyer (Rudolf Prack) aus, um das Herz eines Mädchens zu gewinnen, am Ende steigt er selbst zum gefeierten Profifahrer auf. Die komische Intelligenz des Films, der eine der letzten von Lingens über 30 Arbeiten in der Regie E.W. Emos darstellt, ist überschaubar, die filmische Umsetzung äußerst schlicht geraten. Sie zieht selbst noch die zuvor so oft davon unberührt gebliebene Lingen-Moser-Chemie in Mitleidenschaft, die hier höchstens noch routiniert, kaum einmal jedoch tatsächlich inspiriert erscheint. Als filmhistorisches Kuriosum zu vermerken sind die verschmitzten Anspielungen auf Brecht-Dudows Kuhle Wampe oder Wem gehört die Welt (1932) und Vittorio De Sicas Fahrraddiebe (1948) in der Eingangssequenz des Films, in der Rabe sein zur Arbeit dringend benötigtes Fahrrad entwendet wird.

Von ganz anderer filmischer Qualität, auch (und weit) über das Spiel Lingens hinaus, ist die mit ihrer Handlung zur Zeit des Wiener Kongresses 1814/15 angesiedelte österreichische Produktion Wiener Blut (1942), ein Zentralwerk des deutschsprachigen Musikfilms und Mittelstück von Willi Forsts »Wiener Operettentrilogie« (zwischen Operette von 1940 und Wiener Mädeln von 1944/45, der erst 1949 in die Kinos kam). In ihr hat Forst als Regisseur und Schauspieler ein filmisches Hohelied auf die Gattung gesungen, an dem von österreichischer Seite eine Form des ästhetischen Widerstands gegen die Nazi-Herrschaft nach dem »Anschluß« Österreichs an das Deutsche Reich erkannt wurde. Wie man diese Lesart auch beurteilt, der allegorische Gehalt ist zweifellos in Wiener Blut, wo preußische und wienerische Lebensart im schroffen Kontrast gegeneinander geführt werden, am höchsten zu veranschlagen. Greifbar wird er in seiner komischen Brechung an der symmetrisch gefügten Gegenüberstellung von Theo Lingen als Jean, Kammerdiener des Grafen Wolkersheim (Willy Fritsch), und Hans Moser als Knöpfel, in gleicher Funktion beim wienerischen Gegenpart tätig. Mit Blick auf Lingen wird hier aber auch ein grundsätzliches Schicksal seiner Dienerfiguren sichtbar, das darin besteht, zumeist nur eine Nebenrolle, den wahren Protagonisten eben nur dienenden Part zu spielen, die zentralen Konflikte der Filmhandlung nicht eigentlich zu tragen, sondern ins Kleine, gesellschaftlich Tiefergelegte zu spiegeln und als randläufige Arabeske ornamental auszuschmücken.

Solange jedoch mit Johann (1943), den er als Autor des zugrundeliegenden Bühnenstücks und Co-Autor des Drehbuchs, als Regisseur und Hauptdarsteller in einer Doppelrolle fast schon im Alleingang zu verantworten hat, der eigentliche Schlüsselfilm für Lingens Karriere nicht auf DVD greifbar ist, mag man von der Verpflanzung eines »preußischen« Dieners nach Österreich, wie sie in Wiener Blut vorgenommen wird, nicht zuletzt auch eine Parallele zur damaligen Lebenssituation des gebürtigen Hannoveraners Lingen ziehen: Seit 1928 war er mit der Österreicherin Marianne Zoff, einer Ex-Frau Brechts, verheiratet. Seit 1939 lebte die Familie Lingen – inklusive der Tochter Ursula und Marianne Zoffs Tochter aus ihrer Ehe mit Brecht, die später als Hannah Hiob Schauspielkarriere machte – in Strobl am Wolfgangsee, wo er in den letzten Tagen des Zweiten Weltkriegs gar einer lokalen Widerstandsgruppe angehört haben soll. Nach dem Krieg nimmt Lingen dann sogar die österreichische Staatsbürgerschaft an, was ihn allerdings nicht davor bewahrt, von Kritikern und Abonnenten des Burg-Theaters (dessen Ensemble er ab 1948 angehört) als ehemaliger Star des NS-Kinos angefeindet zu werden. Über diese biographischen und gesellschaftlichen Hintergründe erfährt man aus dem Bonusmaterial erwartungsgemäß kaum etwas: Es beschränkt sich, wie gehabt, auf Fotogalerien, Trailer zu weiteren »Unterhaltungsklassikern« im Programm sowie die nötigsten (dem CineGraph-Lexikon entlehnten) biographischen Informationen einiger der beteiligten Regisseure und Schauspieler. Limonaden-Extras, leider. 2011-08-10 11:00

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