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Harold Lloyd Edition

Dr. Jack (USA 1922), Grandma´s Boy (USA 1922), Safety Last! (USA 1923).
133 Min. Arthaus 21.4.11

Sp: Englisch (DD 2.0). Ut: Deutsch. Bf: 1.33:1. Ex: Audiokommentar von Leonard Maltin & Richard Correll, Fotogalerie.

High anxiety excitement

Von Daniel Bickermann Jahrelang war die Stummfilmsituation auf dem deutschen DVD-Markt erbärmlich. Lediglich Liebhaber-Labels wie ›absolut Medien‹ kümmerten sich um frühe Kostümklassiker, Skandalfilme und Pionierwerke – und zumindest rudimentär um die bestimmende Kunstform der Zeit, den Slapstick. Wobei bisher selbst die großen Drei – Chaplin, Keaton und Lloyd – nur in ihrem Kurzfilmschaffen präsent waren. Das Label ›Arthaus‹ legt jetzt endlich groß nach und gönnt zumindest zwei der drei Komik-Genies ausführliche Editionen. Und neben den grandiosen Chaplin-Klassikern, die hierzulande viel zu lange nicht auf DVD erhältlich waren, findet der geneigte Filmfreund endlich auch die legendären Langfilme Harold Lloyds in blitzsauber restaurierten Fassungen.

Lloyd, der neben den Giganten Charlie Chaplin und Buster Keaton gerne vergessen wird, changierte auch stimmungstechnisch gerne zwischen dem kindsköpfigen Idealisten Chaplin und dem lakonischen Steingesicht Keaton – akrobatisch stand er den beiden ohnehin in nichts nach. Seine Persona war der kleine Angestellte mit großem Herz, der unsichere Brillen- und Strohhutträger, dessen unschuldiger Alltag sich zu haarsträubenden Komplikationen zuspitzte. Waren es bei Chaplin die unmenschlichen sozialen Verhältnisse, die überwunden werden mußten, und bei Keaton die verrückt gewordene moderne Welt, die buchstäblich um den stoisch dastehenden Protagonisten herum in sich zusammenfiel, so spiegeln Lloyds Filme die 1920er Jahre als Zeitalter der Stunts, der Jahrmarktattraktionen, der Flugzeug- und Fassadenkletterer. Es waren letztere, denen Lloyd einige seiner berühmtesten Momente verdankt.

Lloyd, der keineswegs schwindelfrei war, zeigte sich beeindruckt von den Bauarbeitern, die auf frei schwingenden Stahlträgern herumbalancierten, um vor allem an der US-Ostküste die seinerzeit höchsten Wolkenkratzer der Welt zu errichten. Wenn sein biederes filmisches Alter Ego durch absurde Umstände solch haarsträubende Turnereien vollführen müßte, beschloß Lloyd, würde komisches Potential auf spektakuläre Schauwerte treffen. Schon im halbstündigen Format drehte Lloyd mehrere solcher Hochhaus-Schwindelfilme wie High and Dizzy (1920) und Never Weaken (1921), wie immer mit Mildred Davis als seiner angemessen entsetzten Geliebten fest an seiner Seite.

Sein größter Moment kam dann aber mit Safety Last! Das wundervolle Bild des verzweifelten Mannes im Anzug, der vom Ziffernblatt einer Uhr über dem großstädtischen Abgrund baumelt, wurde als Sinnbild des modernen Menschen wieder und wieder zitiert und abgedruckt, wobei der darum gebaute Film leider fast in Vergessenheit geriet. Umso schöner ist es, endlich auch mal den Vorlauf zur berühmten Sequenz zu sehen – denn die Geschichte des findigen kleinen Stoffverkäufers, der sich nicht nur vor seiner Geliebten als Geschäftsführer ausgeben will, sondern vor allem erstmal einen furios inszenierten Schlußverkauf voller böser dicker Damen überleben muß, ist durchaus eine komische Meisterleistung für sich. Die abschließende Kletterpartie, die die letzten 20 Minuten einnimmt und amoklaufende Tauben, fliegende Netze, anhängliche Polizisten und natürlich die berühmte widerspenstige Uhr zu bieten hat, krönt freilich den unvergeßlichen Film.

Es ist eher selten, daß ein Audiokommentar zu einem Filmklassiker es mal mit rüber nach Deutschland schafft, aber zu Safety Last! findet endlich mal auch der deutsche Käufer eine Tonspur mit den Kommentaren von Starkritiker Leonard Maltin und Lloyd-Vertrauten Richard Correll. Und so stellt man sich auch einen Audiokommentar vor: Perfekt vorbereitet von der historischen Einordnung (Harold Lloyd als Erfinder der Testvorführungen) und filmwissenschaftliche Analyse (vom Make-up über die Montage) über biographische Hintergründe (Lloyd heiratete seine Filmpartnerin Mildred Davis wenige Tage nach den Dreharbeiten zu Safety Last!) bis zu skurrilen Set-Anekdoten wie dem Darsteller und echtem Fassadenkletterer »Limpy Bill« Strothers, der deswegen hinkte, weil er sich beim Vorgängerfilm ein Bein gebrochen hatte. Correll hat einige Anmerkungen und Hintergrundinfos sogar noch aus erster Hand von Lloyd persönlich. Besser geht Stummfilmkommentierung eigentlich gar nicht.

Die anderen beiden Sechzigminüter auf der DVD, beide ebenfalls von Fred C. Newmeyer und Sam Taylor inszeniert, sind weder so berühmt noch so bedeutsam wie Safety Last!, aber nichtsdestotrotz ebenso ihr Geld wert. Dr. Jack ist ein drolliges Doktorspielchen zwischen Lloyd und Davis, voller Tempo, Lebensfreude und possierlicher Tierchen, die in einer wahrlich epischen Verkleidungs- und Hetzjagd endet; und auch die zartbittere Coming-of-Age-Burleske Grandma's Boy predigt die typischen Lloyd-Werte – wie sture Beharrlichkeit im Angesicht scheinbar unüberwindlicher Gegenkräfte – und wagt sogar einen absurden Exkurs in eine Punch-Party im amerikanischen Bürgerkrieg.

Puristen mögen die nicht ausblendbaren deutschen Untertitel monieren, die bei einem Stummfilm mit Zwischentiteln allerdings ohnehin kaum ins Gewicht fallen; Filmhistoriker werden über die offensichtlichen Einflüsse auf Woody Allens frühe Phase spekulieren; und Soziologen dürfen auch gerne weiterhin das Bild des am Ziffernblatt baumelnden Lloyd für ihre Theorien vom modernen Menschen herbeizitieren; uns Filmliebhabern soll's recht sein, wir erfreuen uns erstmal an drei Filmen, wie man sie mit diesem Herz, dieser Akrobatik und dieser Leichtigkeit leider nicht mehr macht. 2011-07-27 09:29

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