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Pornografie & Holocaust

Stalags. IL 2008. R,B: Ari Libsker. K: Uri Levi & Dror Lebendiger. S: Morris Ben-Mayor. P: Barak Heymann.
63 Min. good!movies ab 11.3.11

Sp: Hebräisch (DD 2.0). Ut: Deutsch, Englisch. Bf: 1.78:1 Widescreen. Ex: Keine.

Lebendiges Panoptikum

Von Sven Lohmann Nachdem Pornografie und Holocaust in Israel schon 2008 veröffentlicht wurde, ist er mit Verzögerung auch hier angekommen: Außerhalb Israels gab es einzig in Deutschland Ende letzten Jahres einen Kinostart für Ari Libskers Dokumentarfilm. Der besonders schmückende deutsche Titel ist freilich sehr abstrakt; im hebräischen Original heißt er ganz schlicht Stalags, und genau darum geht es hier auch. Stalags (von der deutschen Abkürzung für Stammlager) waren zu Beginn der sechziger Jahre ein kurzlebiges Popkulturphänomen in Israel: obszöne Groschenheftchen, in denen weibliche großbusige Nazis männliche Aliierte mißhandeln und vergewaltigen. Diese Heftchen erfreuten sich in Israel unter der Hand großer Beliebtheit – und schon nach zwei Jahren war der Spaß, staatlich angeordnet, wieder vorbei, nachdem die Ausgabe »Ich war Oberst Schultzes Hündin« offenbar den Bogen überspannt hatte.

Um sich der gesellschaftlichen Bedeutung dieser Literaturform anzunähern, unterhält Libsker sich mit Sammlern, Literaten, Verlegern, einer Juristin von der Zensurbehörde – sowie einem der damaligen Stalag-Autoren, die ihrerzeit sämtlich inkognito unter englischen Pseudonymen schrieben und ihre Texte als Übersetzungen inszenierten. Welche kulturelle Rolle spielten diese Heftchen, die im puritanischen Israel offiziell verpönt waren, aber dennoch reissenden Absatz fanden? Es ist anscheinend kein Zufall, daß die Stalag-Welle just zur Zeit des Eichmann-Prozesses wogte, in dessen Zuge nach jahrelanger Verdrängung der Holocaust in Israel zum Gegenstand öffentlicher Wahrnehmung wurde.

Das außergewöhnliche Thema ist kurz und bündig und ohne überflüssigen Schnickschnack in 63 Minuten behandelt; ein lebendiges Panoptikum der israelischen Gesellschaft, nicht ohne Bewußtsein für die gewisse Paradoxie seines Themas – und das alles, anders als der deutsche Titel womöglich glauben machen möchte, ohne das Sujet sensationslüstern aufzublasen. Das ist gar nicht nötig. Libsker inszeniert seinen Film als historischen Stoff, filmte in schwarzweiß, bunt ist nur Quellenmaterial wie etwa die Umschlagabbildungen der Hefte; wie nebenher gelingen übrigens schöne Architekturaufnahmen. Die von good!movies herausgegebene DVD verzichtet auf jegliche Extras und bedient den Gedanken, einfach nur einen interessanten Film zu zeigen. 2011-07-21 17:30

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