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I Saw the Devil

Akmareul boatda. ROK 2010. R: Jee-woon Kim. B: Hoon-jung Park. K: Mogae Lee. S: Na-young Nam. M: Mowg. P: Showbox/Mediaplex, Peppermint & Company, Siz Entertainment u.a. D: Byung-hun Lee, Min-sik Choi, Gook-hwan Jeon, Ho-jin Jeon, San-ha Oh, Yoon-seo Kim u.a.
136 Min. Splendid ab 15.4.11

Sp: Deutsch, Koreanisch (DD 5.1). Ut: Deutsch, Niederländisch. Bf: 1.85:1 anamorph. Ex: Making-Of, Interviews, Highlights, TV-Spots.

Wähle »M« für massive Mordlüsternheit

Von Werner Busch Wenn es um blutige Rachedramen geht, ist es schwer, die Südkoreaner zu schlagen. Hauptverantwortlich für diesen Eindruck ist bislang noch Chan-wook Parks Filmtrilogie um den modernen Filmklassiker Oldboy. Aber auch abseits davon hat das hochprofilierte Filmland schon lange, in den letzten Jahren zunehmend, einen Hang zu unerbittlichen, gewalttätigen Geschichten um Mord und Serienmord. Charakteristisch für die Südkoreaner ist die kompromisslose Darstellung und eine originäre inszenatorische Verspieltheit; auch hierfür ist Oldboy ein hervorragendes Beispiel: Keine Szene, kaum eine Einstellung kommt ohne einen besonderen bildgestalterischen und/oder erzählerischen Einfall aus. Vom begrüßenswerten Wunsch getrieben, jede Szene eines Films interessant gestalten zu wollen, verzetteln sich Regisseure wie Joon-ho Bong (Mother, Memories of Murder) gerne in Genrespielereien, wechseln von ihrer Thrillergeschichte szenenweise auch gerne in Komödie oder blanken Slapstick. Den Filmen insgesamt hat das nur selten geholfen.

Jee-woon Kim (The Good, The Bad, The Weird) begeht in seinem jüngsten Streich I Saw The Devil diesen Fehler nicht. Inhaltlich und formell ist sein beißend brutaler Horrorthriller überaus gradlinig. Der junge Spezialagent Soo-hyeon verwanzt den psychopathischen Mörder seiner Verlobten mit einem High-Tech- Gerät, das ihm nicht nur den Standort des Killers verrät, sondern auch jedes Wort, das er sagt, über ein Headset schickt. Soo-hyeon will den Mann zu Tode jagen, verwundet ihn immer wieder in brutalen Prügelarien, und läßt ihn wieder laufen… Daß ein derartig in die Enge getriebener kaltblütiger Mörder die Welt als Geisel nimmt und völlig enthemmt immer wieder Unschuldige überfällt und tötet, das hätte Soo-hyeon früher aufgehen können. Vom Standpunkt der Handlungslogik aus stimmt schon sehr bald nicht mehr viel. Und dennoch ist I Saw The Devil einer der packendsten und intensivsten Filme, die seit langer Zeit zu bestaunen waren.

So unerbittlich wie die Handlung vorangetrieben wird, so unerbittlich ist Regisseur Kim mit dem, was er dem Zuschauer zumutet. Selbst gestandene Gorehounds verspüren angesichts der überbordenden Gewaltdarstellungen Magenschwäche. Großen Anteil an der Wirkung der Mordarien hat Min-sik Choi, der als Bestie Mensch eine großartige darstellerische Leistung abliefert. Besonders weil die Morde zumeist als ganz alltägliche Situation beginnen: Ein Mann bietet Hilfe bei einem Reifenwechsel an, ein Mann holt ein Rezept bei einer Arzthelferin ab. Und plötzlich flackert etwas von in den Augen dieses Mannes auf, gefolgt von einer ungeahnten Explosion der Gewalt.

Ein wahres Kunststück ist die Mise en scène von Kim, der seit seinem gelungenen A Tale of Two Sisters noch einiges in der Rubrik »Spannungserzeugung durch Bildmontage« dazugelernt hat. Immer wieder – immer wieder originell – schafft er es, ohne großen Firlefanz, extreme Spannung zu erzeugen. Dafür ist auch die Gewaltdarstellung wichtig. Der Film macht sehr schnell klar: Hier kann alles passieren. Jederzeit. Und das tut es auch.

Selbst in Korea wurde der Film nur gekürzt in den Kinos gezeigt. Auch die reguläre deutsche DVD-Veröffentlichung wird massive Kürzungen enthalten. (Haben Sie schon unseren Thementeil gelesen?) Dennoch plant Splendid erfreulicherweise auch eine ungekürzte deutsche Veröffentlichung, die sicherlich nur kurzzeitig erwerbbar sein wird. Wie sich die Tragik der Geschichte durch gekürzte – und damit geschönte – Gewaltdarstellungen entfalten soll, bleibt unklar. Aber elementare Fragezeichen sind das Problem aller Gummiparagraphen, wie eben auch Numero 131 des StGB – »Gewaltdarstellung«.

Die Kategorie des blutgetränkten Rachethrillers findet in I Saw The Devil ihr neues Glanzlicht. Größtes handwerkliches Können und absolute Kompromißlosigkeit, wie sie vielleicht nur im asiatischen Kino denkbar ist, entwickeln sich hier zu einem ganz eigenen, unglaublich dynamischen Sog, der den Zuschauer vor die Augen des Leibhaftigen zieht. Da machen auch gravierende Logiklöcher keinen Unterschied. Warum? Das erklärt der Film selbst: »Revenue is for the movies.« 2011-07-19 08:42

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