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In der Stille der Nacht

Still of the Night. USA 1982. R,B: Robert Benton. K: Néstor Almendros. S: Jerry Greenberg, Bill Pankow. M: John Kander. P: United Artists. D: Roy Scheider, Meryl Streep, Jessica Tandy, Joe Grifasi, Josef Sommer, Sara Botsford, Rikke Borge, Irving Metzman u.a.
87 Min. EuroVideo ab 10.3.11

Sp: Deutsch, Englisch (DD 2.0). Ut: Keine. Bf: 1.85:1 anamorph. Ex: keine.

Hitchcocksche Fehlleistung

Von Asokan Nirmalarajah Die Königsdisziplin unter den Hollywood-Genres für etablierte Filmemacher, so scheint es, bildet der Suspense-Film, genauer: der Hitchcock-Film. Nicht wenige Regisseure verspüren früher oder später den Drang, dem britischen ›Meister der Suspense‹, Alfred Hitchcock, ihren persönlichen Tribut zu zollen und sich gleichzeitig mit ihm in Sachen kalkulierter Publikumsmanipulation zu messen. Neben so illustren Namen wie Allen (Match Point), De Palma (Dressed to Kill), Demme (Tödliche Umarmung), Donen (Charade), Fincher (Panic Room), Spielberg (Minority Report) und Verhoeven (Basic Instinct) hat sich auch der Autorenfilmer Robert Benton einmal an einem Hitchcock-Pastiche versucht. In der Stille der Nacht nennt sich die stilsichere, aber leider etwas sterile Genre-Fingerübung, sein erster Film nach seinem Oscar-Triumph als Autor und Regisseur des konventionellen, aber grandiosen Beziehungsdramas Kramer gegen Kramer. Seinem Star aus jenem Publikumshit schrieb er die weibliche Hauptrolle auf den Leib. Doch die sonst so sichere Meryl Streep strauchelt hier in der klassischen Noir-Rolle der unterkühlten, blonden Femme fatale und wirkt in ihrem nervösen, fahrigen Spiel eher unbedarft, als sexy und bedrohlich.

Bentons Anspruch, einen klassischen Noir im fiebrigen Stil eines Fritz Lang mit einigen prominenten Hitchcock-Zitaten zu drehen, der von den lebensgefährlichen Verwicklungen erzählt, in die sich ein Mann bringt, als er sich in eine mögliche Mörderin verliebt, scheitert allerdings nicht nur an dem mangelnden Sex-Appeal der sich hier ungewohnt freizügig präsentierenden Streep. Der unbedingte Stilwillen der Macher, der sich an den sehr präzisen, kammerspielartigen Bildern von Bentons Stammkameramann Néstor Almendros und der cleveren Montage des Krimis zeigt (der ursprünglich auch in Schwarzweiß gefilmt werden sollte) nimmt hier ebenfalls Überhand über die schlichte und berechenbare Handlung. Weil man sich nie ernsthaft die Frage stellt, ob die von Streep verkörperte, sehr fragile Auktionshausangestellte ihren Chef (ein wunderbar sarkastischer Josef Sommer, der nur in Rückblenden auftaucht) umgebracht hat, verliert der Film sehr bald seine Wirkung als psychologischer Thriller. Stattdessen muß man der ermüdenden Entschlüsselung der freudianisch aufgeladenen, ebenso erklärenden wie prophetischen Träume des Opfers zuhören, die sein Psychiater (ein adäquater, wenn auch steifer Roy Scheider) vornimmt.

Unterstützung dabei erhält unser prototypisch unbeholfener Hitchcock-Protagonist, der bald selbst zu einem unschuldigen Tatverdächtigen wird – wie sollte es auch anders sein in einem Film, zu deren unfreiwilligen geistigen Vätern neben Hitchcock auch Freud gehört – von seiner Mutter. Jessica Tandy, die Hitchcock-Veteranin aus Die Vögel, gibt die berufserfahrenere Psychiaterin, die hin und wieder auftritt, um ihren verwirrten Sohnemann vor der trügerischen Attraktivität blonder Frauen mit spitzen Messern zu warnen. Unterhaltsamer als die dominante Mutterfigur sind aber die kauzigen Mordkommissare des NYPD, angeführt vom knautschgesichtigen Charakterdarsteller Joe Grifasi als Detective Vitucci. In seinen Szenen kann man sich auch mal vom affektiert ernsthaften Spiel der übrigen Darsteller und der bemühten Bühnenhaftigkeit der Mise-en-scène des Films erholen, der sich streng und recht humorlos an alle Hitchcock-Regeln hält, und vielleicht gerade deshalb an keinen guten Hitchcock-Film heranreicht. 2011-07-15 09:04

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