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Francois Truffaut Edition

Auf Liebe und Tod (F 1983), Die Frau nebenan (F 1981), Die Süße Haut (F 1964), Die letzte Metro (F 1980), Ein schönes Mädchen wie ich (F 1972), Geraubte Küsse (F 1968), Jules und Jim (F 1962), Liebe auf der Flucht (F 1979), Schießen Sie auf den Pianisten (F 1960), Sie küssten und sie schlugen ihn (F 1968), Tisch und Bett (F 1970), Zwei Mädchen aus Wales und die Liebe zum Kontinent (F 1971).
1170 Min. Arthaus ab 19.5.11

Sp: Deutsch, Französisch (DD 1.0, DD 2.0). Ut: Deutsch. Bf: 1.66:1, 2.35:1 anamorph. Ex: Kurzfilme Antoine und Colette (ca. 29 Min.) und Die Unverschämten (ca. 17 Min.), 14 Film-Einführungen des Truffaut-Biografen Serge Toubiana, Probeaufnahmen der Jungdarsteller zu Sie küssten und sie schlugen ihn, Kameratest mit Marie Dubois und Charles Aznavour zu Schießen Sie auf den Pianisten, Unterstützungsspot für Henri Langlois von François Truffaut und Jean-Luc Godard zu Geraubte Küsse, Unveröffentlichte Szene zu Die letzte Metro, Trailer.

»Seien wir logisch…«

Von Michael Wedel War Jean-Luc Godard der intellektuelle Kopf der französischen Nouvelle Vague, so war François Truffaut ihr Herz: Kein Regisseur, der seinen Karriereverlauf sorgfältig geplant hätte, eher hat er anderen Regisseuren und Drehbuchautoren durch Rat und finanzielle Unterstützung eine Filmkarriere strategisch erst ermöglicht. Das jeweils nächste eigene Projekt ergab sich für Truffaut nicht selten zufällig, inspiriert von Leseeindrücken und Filmerfahrungen, von Begegnungen und Gesprächen mit Freunden, Kollegen und Mitarbeitern. »Seien wir logisch«, soll ausgerechnet Truffaut aber immer dann gesagt haben, wenn es an die konkrete Ausarbeitung eines Drehbuches ging. Womit wohl gemeint war: Konzentrieren wir uns auf die zu erzählende Geschichte, auf die Figuren mit ihren Problemen, auf die Konflikte, die meist nur zaghaft in Blicken und Gesten sichtbar werdenden Wünsche und Fantasien der Protagonisten. Für Truffaut bestand in dieser Alchemie der Beziehungen der Stoff, aus dem sich tragische Wendungen mit ebenso leichter Hand ziehen ließen wie ironische Dialog-Pointen und eine unvergleichlich delikat ziselierte filmsprachliche Lakonie.

Der innere Zusammenhang seiner Filme, dessen Fortentwicklung von seinem frühen Tod 1984 jäh abgerissen wurde, ist prägnant genug. Er beruht auf einem behutsam hergestellten Mischverhältnis aus mit sanfter Gewalt gebrochenen und einem Schuß neo-romantischer Poesie versehenen Kinokonventionen, einer sensiblen Balance zwischen Leidenschaft und Berechnung, kühler Beobachtungsgabe und filmischer, oft autobiographisch fundierter Anteilnahme am Schicksal seiner Figuren. Die äußere Logik des Truffautschen Werkverlaufs erscheint dagegen erratisch, höchstens noch vom Prinzip der Abwechslung geleitet: Genres, Themen und Sujets wechseln oft abrupt, ein historischer Kostümfilm wird von einem Gegenwartsstoff abgelöst, ein Kammerspiel folgt auf einen Krimi und wird seinerseits von einem Science-Fiction-Film gefolgt, von der Verfilmung eines literarischen Klassikers geht es nahtlos über zu einer Sozialstudie über das aktuelle Alltagsleben von Kindern in einer französischen Kleinstadt.

Umso deutlicher tritt als werkbiographische Konstante im Rückblick der Antoine-Doinel-Zyklus hervor, deren fünf Filme auch das Rückgrat der vorliegenden Auswahl-Edition bilden. Von Antoine und Colette (1962) über Geraubte Küsse (1968) und Tisch und Bett (1970) bis zu Liebe auf der Flucht (1978) kann man Antoine Doinel bzw. Jean-Pierre Léaud dabei zusehen, wie er sich beharrlich weigert, so »erwachsen« zu werden, wie er es in Sie küßten und sie schlugen ihn (1959) schon einmal war. Besonders lobenswert ist es, daß mit dem Kurzfilm Antoine und Colette auch Truffauts Beitrag zum internationalen Episodenfilm Liebe mit Zwanzig in die Arthaus-Edition aufgenommen wurde und der Antoine-Doinel-Zyklus (bei arthaus auch schon gesondert erschienen) vollständig in der Box enthalten ist. Mit Die Unverschämten (1957) hat außerdem noch ein zweiter wichtiger Kurzfilm Truffauts, in dem eine Reihe von Motiven und Konstellationen aus Sie küßten und sie schlugen ihn bereits vorweggenommen sind, Aufnahme gefunden.

Die Auswahl der übrigen Spielfilme bietet einen Querschnitt durch das Werk, dessen Schwerpunkte mit Jules und Jim (1962), Schießen Sie auf den Pianisten (1963) und Die süße Haut (1963) in den frühen 1960er Jahren, mit Zwei Mädchen aus Wales und die Liebe zum Kontinent (1971) sowie Ein schönes Mädchen wie ich (1972) in den frühen 1970er Jahren und mit Die letzte Metro (1980), Die Frau nebenan (1981) und Auf Liebe und Tod (1983) auf dem Spätwerk liegen. Vertreten sind damit eine Reihe der bekanntesten Werke Truffauts, von denen einige, allen voran Jules und Jim und die Gangsterfilm-Hommage Schießen Sie auf den Pianisten, Kultstatus beanspruchen können und in keiner Edition fehlen dürfen. Dennoch vermißt man einige kaum weniger zentrale und bekannte, vielleicht jedoch weniger gängige und schwerer zugängliche Filme wie Fahrenheit 451 (1966), Die Braut trug schwarz (1967), Der Wolfsjunge (1969), Die amerikanische Nacht (1973) oder Die Geschichte der Adèle H. (1975). Die arthaus-Auswahl entspricht damit früheren auf dem deutschsprachigen Markt erhältlichen Truffaut-Kollektionen, von den fehlenden Filmen sind zudem nur wenige noch als Einzelausgaben erhältlich. Eigentlich genug Material für eine zweite Box, sollte die Rechtslage es zulassen.

Auch bei den Extras orientiert sich die arthaus-Edition an Verfügbarem, das überwiegend bereits anderen Truffaut-Boxen oder einzelnen DVDs seiner Filme beigegeben war. So natürlich die Trailer, aber auch viele der zu 14 jeweils etwa 5-minütigen Filmeinführungen zusammengestellten Kurzessays von Serge Toubiana, dem ehemaligen »Cahièrs du Cinéma«-Chefredakteur und (zusammen mit Antoine de Baecque) Autor der maßgeblichen Truffaut-Biografie. Ergänzt werden sie mit Probeaufnahmen zu Sie küßten und sie schlugen ihn, einem Kameratest mit Marie Dubois und Charles Aznavour für Schießen Sie auf den Pianisten, einem wirklich sehr kurzen Unterstützungsspot für Henri Langlois von Truffaut und Godard sowie einer unveröffentlichten Szene aus Die letzte Metro. Die Wiedergabequalität der Spielfilme ist insgesamt gut, es scheinen allerdings für die Edition keine neuen Abtastungen vorgenommen worden zu sein. Wer also bereits die vor einigen Jahren bei Concorde erschienenen, mittlerweile vergriffenen Truffaut-DVD-Boxen im Regal zu stehen hat, wird auf die Anschaffung der vorliegenden getrost verzichten können. Nicht vorbeikommen werden an ihr jedoch über kurz oder lang diejenigen, bei denen das nicht der Fall ist. Seien wir logisch: Die Lücke wäre immer noch zu groß. 2011-07-13 10:53

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