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Camp Armadillo

Armadillo. DK 2010. R: Janus Metz. K: Lars Skree. S: Per K. Kirkegaard. M: Uno Helmersson. P: Fridthjof Film.
101 Min. Ascot Elite ab 10.5.11

Sp: Deutsch (DD 5.1, DTS 5.1), Dänisch (DD 5.1.). Ut: Deutsch. Bf: 1.85:1 anamorph. Ex: Beim Dreh, Interviews, Deleted Scenes, Originaltrailer, Trailershow.

Frieden schaffen mit Waffen

Von Maxi Braun Training, Teamgeist, Pflichtgefühl sind die Argumente, mit denen die Mitglieder einer dänischen Eliteeinheit mehr schlecht als recht zu erklären versuchen, warum sie in den Krieg nach Afghanistan ziehen. Nur ein Motiv wird mit deutlich mehr Überzeugung vorgebracht: die Lust auf Abenteuer. Doch wie uns Jarhead – Willkommen im Dreck bereits vor Augen führte, bietet auch der Kampfeinsatz nicht nonstop Entertainment, sondern manchmal auch Langeweile zwischen Waffenreinigung, Ballerspielen und kollektivem Pornogucken. Dies ist auch die triste Scheinidylle, die Regisseur Janus Metz in dem dänisch-britischen Truppenstützpunkt »Armadillo« zunächst vorfand, als er 2009 eine Gruppe ISAF-Soldaten für sechs Monate dorthin begleitete.

Die ersten Tage plätschern in der Routine militärischen Drills dahin, doch schon der erste Streifzug durch die karge Landschaft offenbart eine klar artikulierte und scheinbar unstillbare Sehnsucht nach Action, die immer wieder aufflammt. Die Enttäuschung ist demnach groß, wenn sich ein vorbeiradelnder Afghane nicht als Selbstmordattentäter entpuppt.

Später sind die Männer in »Sicherheits- und Aufbaumission« auf ihren Patrouillen hauptsächlich damit beschäftigt, bei Feuergefechten mit unsichtbaren Taliban die Ernte der Einheimischen zu zertrampeln und Kühe als Kollateralschäden in die Luft zu bomben. Der Film bringt damit ein Dilemma aller kriegerischen Interventionen, auch solcher in vornehmlich befriedender und guter Absicht, auf den Punkt. Denn die Jagd nach bösen Jungs geht immer auf Kosten der Zivilbevölkerung. Noch verwunderlicher, als daß Kameramann Lars Skree und Janus Metz im Chaos erbitterter Kampfhandlungen nicht desertieren, ist daher auch die Allgegenwärtigkeit der zivilen Bevölkerung. Wo immer die Gewalt eskaliert sieht man sie ohne Deckung von den unberechenbaren Fronten flüchten. Frauen, Kinder, Kranke sind oft nur Sekunden entfernt oder mittendrin, wenn die Hölle losbricht.

Die Bevölkerung kann hierfür – auch das zeigt der Film – finanziell entschädigt werden, denn nicht selten ist das klapprige Vieh die Überlebensgrundlage einer ganzen Familie. Doch wie mißt man den Wert einer versehentlich erschossenen Großmutter oder den der toten Tochter?
Janus Metz tut gut daran, derlei Fragen aufzuwerfen, sie jedoch ebenso wenig zu beantworten, wie er auch die eindrucksvollen Bilder kommentarlos für sich selbst sprechen läßt. Dank Lars Skree robben wir gemeinsam mit den Soldaten durch das Unterholz, gehen vor Schüssen in Deckung und erzittern vor den Detonationen von Granaten. Die Impressionen des Kampfes können in Komposition und Dynamik mit jedem fiktiven Kriegsfilm mithalten und auch die Spannungskurve ist eher eine dem Erzählkino typische.

Metz Verharmlosung oder gar Glorifizierung vorzuwerfen ist dennoch verfehlt, da die Wirkung eine gänzlich andere ist. Statt einer Identifikation mit der einen oder anderen Seite bietet uns Camp Armadillo eine Innenansicht des Kriegsalltags, der sich als eine Aneinanderreihung aussichtloser Schlachten und hilfloser Aktionen präsentiert. Trotz Spezialausrüstung, Professionalität und zahlenmäßiger Übermacht kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, daß die Operation weder die Region stabilisiert noch dem Aufbau eines am Boden liegenden Landes dient.

Und die Soldaten? Im Gegensatz zu Anti-Kriegsklassikern wartet man vergebens auf ihre Katharsis. Ein Schädelbasisbruch hält da genauso wenig davon ab, an die Front zurückzukehren, wie die Erfahrung, dem Tod noch einmal im allerletzten Moment von der Schippe gehüpft zu sein. Der hier saloppe Tonfall korrespondiert mit einem der Verdrängungsmechanismen, von denen auch die dänischen Soldaten berichten und für die selbst Metz keine direkten Bilder, sondern nur Andeutungen in Gesichtern zu finden vermag. Wer stundenlang die bei einem Minenunfall weit in der Landschaft verstreuten Leichenteile von Kameraden eingesammelt hat, muß dem Wahnsinn irgendetwas entgegensetzen. Aus der sicheren Distanz des Kinosessels mögen die derben Scherze über eine Exekution von wehrlosen, verwundeten Feinden unerträglich wirken. Vor Ort scheinen sie die einzige Möglichkeit, in der Nähe des Todes einen Rest Menschlichkeit zu bewahren. Camp Armadillo versucht nicht, ein solches Verhalten oder gar andere bekanntgewordene Skandale um mit Schädeln als Trophäen posierende Soldaten zu rechtfertigen. Vielmehr beleuchten Metz und sein Team unter Einsatz des eigenen Lebens die vielen Fratzen des Krieges, die selten heroisch und tapfer, häufig aber blutig und vor allen Dingen voller Irrsinn scheinen.

Was also treibt nicht die Politik, sondern die einfachen Soldaten dazu, sich in einen solchen Krieg zu begeben? Da fast alle Rekruten nach Abschluß der Dreharbeiten nach Afghanistan zurückgekehrt sind, muß man die eingangs erwähnte Abenteuerlust wohl tatsächlich als anthropologische Konstante akzeptieren, schließlich hat sie schon Alexander den Großen vor über 2000 Jahren nach Indien und die moderne Menschheit bis auf den Mond gebracht. Es bleibt abzuwarten, ob die Vernunft sich im Laufe der Evolution gegen sie durchzusetzen vermag. 2011-06-24 13:12

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