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The Wire. Die komplette erste Staffel

The Wire – Season 1. USA 2002. R: Clark Johnson, Clément Virgo u.a. B: David Simon. Edward Burns u.a. K: Uta Briesewitz. S: Geraldine Peroni, Thom Zimny u.a. M: Tom Waits u.a. P: Blown Deadline Productions, HBO. D: Dominic West, John Doman, Idris Elba, Sonja Sohn, Wood Harris, Larry Gilliard Jr., Aidan Gillen u.a.
924 Min. Warner ab 12.11.10

Sp: Deutsch (DD 2.0), Englisch (DD 5.1). Ut: Deutsch. Bf: 1.33:1 Vollbild. Ex: Keine.

It's all in the Game

Von Daniel Bickermann Gut Ding will wohl weiterhin Weile haben – ganze acht Jahre hat es gebraucht, bis der letzte Meilenstein der Seriengeschichte, den natürlich wieder mal HBO angeschoben und den Berg runtergerollt hat, nun auch in Deutschland ankommt. Und nicht nur ist er diesmal so mächtig, daß er jeglichen Hype tatsächlich überrumpelt, er kommt auch für deutsche Zuschauer genau rechtzeitig. Denn die eng verwandte (um nicht zu sagen: fröhlich abgekupferte) deutsche Krimi-Saga Im Angesicht des Verbrechens läßt ja im Moment ein zartes Pflänzchen Hoffnung aufsprießen, daß ein Format von solcher Komplexität, Tiefe und sozialer Intelligenz vielleicht auch hierzulande zumindest möglich sein könnte.

Aber natürlich bleibt David Simons urbanes Kaleidoskop erst mal unerreicht. Zahlreiche namhafte Zeitungen der USA nannten The Wire die klügste Serie aller Zeiten, Vergleiche mit Dickens und sogar Homer gehörten zum guten Ton, dem allen kann man sich nur demütig anschließen. Prominente Krimi- und Sachbuchautoren (wie Simon selbst einer ist) wurden als Drehbuchschreiber gewonnen und reicherten die Serie mit jener Mischung aus sanfter Straßenpoetik und grausiger Glaubwürdigkeit an, für die The Wire berühmt und berüchtigt wurde. Die eigentliche Revolution aber war eine strukturelle: Was in den ersten Folgen dieser ersten Staffel noch wirkt wie eine (wenn auch sehr ausufernde) Krimiserie, weitet sich schnell aus zur allumfassenden Untersuchung der Stadt Baltimore, der westlichen Lebensweise und manchmal gar der conditio humana. Es beginnt mit der Öffnung, daß man sich für einen Fall nicht nur eine Folge, sondern gleich eine ganze Staffel Zeit nimmt, und führt letztlich zu einer so weit aufgezogenen Perspektive, daß die politischen, gesellschaftlichen und privaten Hintergründe von jedem gezeigten Aspekt ausgeleuchtet werden. Der schwule Drogenräuber, die saufenden Polizisten, die offen korrupten Politiker, die minderjährigen Drogenkuriere, die hochtrabenden Gangsterbosse, sie sind hier alle Teil eines viel größeren Sozialsystems, in dem – egal auf welcher Seite des Gesetzes – Bosse immer gleich borniert sind, das Geld letztlich alles bestimmt und jeglicher Versuch einer Reformierung unweigerlich zu einer persönlichen Tragödie griechischen Ausmaßes führen muß.

Die deutsche Synchronisation schlägt sich dabei überraschend solide, vor allem angesichts einiger Reinfälle in früheren HBO-Eindeutschungen, die erschreckend flach ausfielen. Natürlich ist der dicke Baltimore-Slang, den hier von den minderjährigen Ghetto-Dealern bis zu den anzugtragenden Senatoren alle sprechen, nicht transportierbar, dafür gibt es einige recht unterhaltsame und durchaus originelle Versuche, die Flut der Fluchworte durch angemessen poetische deutsche Sauereien zu ersetzen. Und wo keine Übersetzung möglich ist – wie bei der legendären Szene der vierten Folge, in der zwei Polizisten einen Tatort untersuchen und dabei vier Minuten lang nur das Wort »fuck« in seinen diversen Verwendungsformen murmeln – da geht man ganz korrekt auf Nummer sicher. Wer keine Untertitel lesen will (und selbst Muttersprachler außerhalb Baltimores haben bei der Originalfassung Verständnisprobleme ohne Untertitel), der hat in dieser deutschen Fassung zumindest eine faire Ausweichmöglichkeit.

Vor allem aber darf man eines der besten Ensembles der amerikanischen Fernsehlandschaft dabei erleben, wie sie die schmackhaftesten Rollen, die haarsträubendsten Dialogwechsel und die dramatischsten menschlichen Momente richtig auskosten. Und die weiteren Staffeln werden selbst dabei nicht stehenbleiben, sondern die Fluttore noch weiter öffnen und aus den bisherigen ungefähr zehn Hauptfiguren graduell gefühlte dreißig machen, bevor in diese ausschweifende und doch präzise Studie einer Stadt und ihrer komplexen Probleme auch noch Hafenarbeiter, Bürgermeisterkandidaten, Investoren, Lehrer, Journalisten und Sozialarbeiter mit eindringen. An dieser Stelle aber sei erst mal die erste Staffel als essentielles Fernsehformat des neuen Jahrtausends empfohlen – und auch als Herausforderung. Es ist nicht immer einfach, aber es ist garantiert der Beginn einer wunderbaren Freundschaft. 2011-06-17 09:25

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