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Der gefährlichste Mann der Welt

The Chairman. USA 1969. R: J. Lee Thompson. B: Ben Maddow. K: John Wilcox. S: Richard Best. M: Jerry Goldsmith. P: APJAC Productions, Twentieth Century Fox Film Corporation, Twentieth Century-Fox Productions. D: Gregory Peck, Anne Heywood, Arthur Hill, Alan Dobie, Conrad Yama, Zienia Merton, Ori Levy, Eric Young u.a.
95 Min. Koch Media ab 29.4.11

Sp: Deutsch, Englisch (DD 2.0). Bf: 2.35:1 anamorph. Ex: keine.

Bombe im Kopf

… oder wie Gregory Peck nach China kam und den Kommunismus doch nicht lieben lernte

Von Jesko Jockenhövel Der Kalte Krieg hat sich in unzähligen Spionagethrillern und -abenteuern niedergeschlagen, am populärsten in der James-Bond-Reihe. Hier macht Der gefährlichste Mann der Welt aus dem Jahr 1969 deutliche Anleihen. Die Story kommt aus heutiger Sicht reichlich abstrus, aber doch charmant daher – vor allem in ihrer Technikgläubigkeit. China hat ein Enzym entwickelt, das es erlaubt, Lebensmittel auch unter den ungünstigsten klimatischen Bedingungen anzubauen, zum Beispiel Getreide im verschneiten Himalaya. Das ruft sowohl die Sowjets als auch das US-Militär auf den Plan, die sich an Professor John Hathaway, gespielt von Gregory Peck, wenden. Der Experte auf dem Gebiet wird daraufhin nach China geschickt, um hinter das Geheimnis zu kommen. Dazu wird ihm ein Sender im Kopf implantiert, mit dem er ständig mit seiner Kommandozentrale kommunizieren kann. Was er allerdings nicht weiß, ist, daß der Sender auch eine Bombe enthält, mit der er ferngesteuert in die Luft gejagt werden kann, falls die Mission mißlingt. Praktischerweise sendet das Gerät zudem andauernd Informationen über seinen psychologischen Zustand. So was muß man zugegebenermaßen erstmal erfinden.

Der gefährlichste Mann der Welt ist vor allem ungewöhnlich für die Zeit, weil er die US-amerikanischen Beziehungen zu China thematisiert und sogar eine Zusammenarbeit der amerikanischen Seite mit dem sowjetischen Geheimdienst einbezieht – ein Hinweis auf die krisengeschüttelten sowjetisch-chinesischen Beziehungen. Der Film gipfelt in einem Zusammentreffen zwischen Hathaway und dem Vorsitzenden Mao, täuschend ähnlich dargestellt von dem relativ unbekannten Darsteller Conrad Yama, der Hathaway von der Idee des Kommunismus zu überzeugen versucht. Doch Gregory Peck, auf ewig verbunden mit der Rolle des Atticus Finch in Wer die Nachtigall stört, wäre kein aufrechter Amerikaner, wenn er nicht Mao links liegen lassen und sich weiter auf die Suche nach dem geheimnisvollen Enzym machen würde. Der Film, im Original The Chairmann, also der Vorsitzende Mao, deutet auch noch auf einer anderen Ebene einen Richtungswechsel an. Beginnend mit John Frankenheimers Politthriller Sieben Tage im Mai von 1964 und Stanley Kubricks Dr. Seltsam oder wie ich lernte die Bombe zu lieben aus dem gleichen Jahr schlich sich ein immer größeres Mißtrauen gegenüber Regierung und Militär in viele Filme ein. Denn anhand des deutschen Verleihtitels stellt sich die Frage: Wer ist eigentlich der gefährlichste Mann der Welt? Gregory Peck, alternder Star und über den Zenit der Karriere hinaus nicht wirklich, und auch Mao wird so freundlich dargestellt, daß Peck glatt eine Partie Ping Pong mit ihm spielt. Pecks Auftraggeber, ein einäugiger, gefühlskalter, skrupelloser US-Militär, stets den Finger am Telefon oder Knopf, der Peck den Kopf wegsprengen könnte, stellt dagegen eine ungewohnt negative Darstellung der US-Armee dar, noch bevor das Desaster in Vietnam offenbar wurde.

Auch wenn Der gefährlichste Mann der Welt insbesondere im Vergleich zu den moderneren und actionlastigeren James Bond-Filmen der 1960er Jahre etwas altbacken wirkt, ist er doch gerade vor dem Hintergrund des Kalten Krieges ein interessanter Beitrag. Die DVD-Version ist wunderbar restauriert, jegliche Kratzer wurden entfernt, die Farben erscheinen wie neu und es gibt einige fast dokumentarisch anmutende Aufnahmen vom Hongkong der späten 1960er Jahre. Als Extra wird ein aufschlußreicher und abwechslungsreicher Audiokommentar des Filmhistorikers sowie Experten für Kalte Kriegs-Filme Lee Pfeiffer und des Filmkritikers Eddy Friedfeld geboten. Außerdem liegt eine skurrile 16-minütige Kurzfassung des Films bei, wohl für frühe 8mm-Heimkinos entstanden, wenn man gerade mal nicht 95 Minuten Zeit hat. Einmal China und zurück – sozusagen im Schnelldurchlauf. 2011-06-10 09:28

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